Wer im Laslantischen Ozean etwas ausrichten lassen wollte, ging nicht zur Post. Eine Post gab es nicht. Man ging zum Riffmarkt, stellte sich in die Nähe der Muschelstände und wartete, bis etwas Orangegoldenes vorbeischoss.
Es gab nämlich genau eine Sache, auf die man sich hier hundertprozentig verlassen konnte, und die hiess Fritzi.
Fritzi war ein Goldfisch. Orangegold, im Licht fast leuchtend, ungefähr so gross wie eine Hand, und er redete. Er redete beim Schwimmen, er redete beim Fressen, und Frau Perlmutt behauptete steif und fest, er rede auch im Schlaf. Über seiner Flosse hing eine winzige Umhängetasche aus Seegras, in der er Nachrichten transportierte.
Die Tasche war eigentlich nur Deko. Fritzi merkte sich alles im Kopf.
„Achtundvierzig Nachrichten heute", rief er Luna zu, als sie über die Strömungsstrasse kam. „Achtundvierzig! Und ich habe noch keine einzige verloren, seit — seit — na jedenfalls seit sehr langem!"
„Gratuliere", sagte Luna.
„Willst du eine hören? Herr Krabb hat Frau Perlmutt ausrichten lassen, dass ihre Muschelketten zu teuer sind. Und Frau Perlmutt hat zurückausrichten lassen, dass Herr Krabb sich das ohnehin nicht leisten kann, weil er ja nur ein Lehrer ist. Und dann hat Herr Krabb gesagt —"
„Fritzi."
„Ja?"
„Das sollst du wahrscheinlich nicht weitererzählen."
Fritzi dachte darüber nach. Ungefähr eine halbe Sekunde lang.
„Wahrscheinlich nicht", gab er zu und schwamm weiter.
Der Riffmarkt lag an der Stelle, wo die Perlenstadt aufhörte und das offene Wasser anfing, und er war jeden Vormittag voll.
Lula mochte ihn wegen der Geräusche. Muschelklappern, wenn Frau Perlmutt ihre Ketten sortierte. Das Zischen der Krebse, die sich um die besten Plätze stritten. Und über allem das ständige Gemurmel von hundert Meerjungfrauen, die sich gegenseitig erzählten, was sie schon wussten.
Sie war da, um Seetang zu holen. Laura brauchte welchen für eine neue Wiege, weil die alte für zwei acht Monate alte Babys inzwischen zu klein geworden war.
„Der von hinten links", sagte die Verkäuferin. „Der ist zäher. Bei Babys wollen Sie zäh."
Lula bezahlte mit drei kleinen Perlen und drehte sich um.
Und da kam Fritzi.
Er kam angeschossen wie immer, bremste vor ihrem Gesicht, machte den Mund auf — und machte ihn wieder zu.
Dann machte er ihn nochmal auf.
„Ich soll dir was ausrichten", sagte er.
„Was denn?"
„Ich soll dir was ausrichten", wiederholte Fritzi.
Lula wartete. Um sie herum ging der Markt weiter, aber sie hörte ihn plötzlich nicht mehr richtig.
Fritzi schaute an ihr vorbei. Seine Augen, die normalerweise viel zu gross und viel zu aufgeregt waren, wurden schmal.
„Von jemandem", sagte er langsam. „Es war jemand. Der hat gesagt, ich soll dir was ausrichten. Und ich bin sofort losgeschwommen, weil es wichtig war." Er schluckte. „Es war wichtig, Lula. Ich weiss noch, dass es wichtig war."
„Und was war es?"
„Ich weiss es nicht mehr."
Fritzi sagte es ganz leise, und das war das Schlimmste daran. Fritzi sagte nie etwas leise.
„Ich weiss nicht mehr, wer es war. Ich weiss nicht mehr, was er gesagt hat. Ich weiss nur noch, dass ich losgeschwommen bin." Er sank ein Stück nach unten, bis er fast auf einer Koralle sass. „Wie kann man sich merken, dass man losgeschwommen ist, und nicht, warum?"
Lula setzte sich neben ihn in den Sand. Der Seetang lag vergessen neben ihr.
„Wo warst du, als es passiert ist?"
„Am Seegraswald. Am nördlichen Rand." Fritzi zuckte. „Da war ich noch nie. Da geht doch keiner hin."
„Warum warst du dann dort?"
Fritzi öffnete den Mund. Schloss ihn wieder.
„Weiss ich auch nicht mehr", sagte er.
Am nächsten Morgen brachte Frau Perlmutt die Sache ins Rollen, ohne es zu merken.
„Also ich finde ja", sagte sie zu einer Kundin und hielt dabei eine Kette hoch, die der Kundin hervorragend stehen sollte, „dass die Kugelfische in letzter Zeit merkwürdig sind. Bo und Bibi, die Zwillinge. Die haben mich gestern gefragt, wie ich heisse."
Luna, die zwei Stände weiter stand und eigentlich nur wartete, drehte den Kopf.
„Und heute Morgen", fuhr Frau Perlmutt fort, „kam Ole vorbei, der kleine Tintenfisch, und wollte wissen, wo der Riffmarkt sei. Während er mitten darauf stand! Ich habe ihm gesagt: Junge, du stehst darauf. Und wisst ihr, was er gemacht hat?"
„Er ist rot geworden", sagte Luna.
„Er ist rot geworden. Knallrot." Frau Perlmutt schüttelte den Kopf. „Und dann ist er weggeschwommen und hat sich entschuldigt. Wofür denn?"
Luna war schon unterwegs.
Am Abend sassen sie zu fünft in der alten Küche des Muschelhauses.
Das Muschelhaus war seit dem Umzug in den Palast eigentlich leer, aber es war der Ort, an dem sie sich trafen, wenn sie ungestört sein wollten. Im Palast lief man immer jemandem über den Weg — einer Wache, einer Tante, einem Vater, der so tat, als suche er etwas.
Auf dem Tisch lag ein flacher Stein. Lisa hielt zwei Finger darüber, und ein winziger Blitz zischte heraus und brannte eine Linie hinein.
„Autsch", sagte Laura.
„Das tut nicht weh."
„Bei dir."
Lisa grinste und zog die nächste Linie. Nach einer Minute lag eine Karte des südlichen Laslantischen Ozeans auf dem Tisch, eingebrannt in Stein, mit dem Seegraswald als grosser Fläche in der Mitte.
„Fritzi", sagte sie und setzte einen Punkt an den nördlichen Rand. „Hier."
„Bo und Bibi", sagte Luna. „Die schwimmen jeden Morgen am Seegraswald vorbei. Immer dieselbe Strecke, seit Jahren."
„Ole." Laura tippte auf den Stein. „Der versteckt sich im Seegras, wenn ihm etwas peinlich ist. Also ungefähr täglich."
„Und Krix", sagte Lula.
Alle schauten sie an.
„Krix?"
„Der Einsiedlerkrebs. Ich habe ihn heute am Markt getroffen." Lula zögerte. „Er hat sein Haus gesucht. Das macht er immer. Aber diesmal hat er nicht gesagt ‚mein Haus'. Er hat gesagt ‚das Ding, in dem ich wohne'."
Fünf Punkte. Alle am selben Rand desselben Waldes.
„Was vergessen sie denn genau?", fragte Laila.
Es wurde still. Man hörte nur, wie draussen die Anemonen auf dem Dach im Strom schaukelten.
Dann sagte Laura den Satz, der allen kalt den Rücken hinunterlief:
„Namen. Sie vergessen alle Namen."
Der Seegraswald war Lauras Ort.
Hier war ihre Magie am stärksten. Sie musste nur den Boden berühren, und Seetang schoss aus dem Sand, so hoch sie wollte. Als Kind hatte sie hier ganze Höhlen wachsen lassen und war dann drin eingeschlafen, bis Coralie sie holen kam.
Am nördlichen Rand funktionierte es nicht.
Laura kniete sich hin, legte beide Handflächen auf den Grund und schloss die Augen. Normalerweise dauerte das einen Atemzug.
Diesmal dauerte es sechs. Dann kam ein einzelner Seetanghalm hoch, dünn wie ein Faden, und kippte um.
„Das ist noch nie passiert", sagte sie.
„Nie?", fragte Lisa.
„Nie."
Sie schwammen weiter nach Norden, dorthin, wo der Wald dünner wurde. Das Licht von oben kam hier noch an, aber es sah aus, als würde es müde.
Und dann sahen sie es.
Es gab eine Linie.
Auf der einen Seite war das Seegras grün. Auf der anderen war es grau. Nicht braun, nicht verwelkt — grau, so wie ein Bild, aus dem jemand die Farben herausgenommen hat. Und die Linie dazwischen war so gerade, als hätte sie jemand mit einem Lineal gezogen.
Keiner sagte etwas.
Lisa streckte zwei Finger aus. „Soll ich?"
„Zähl mit", sagte Laila.
Der Blitz zuckte über den grauen Boden und beleuchtete ihn für einen Sekundenbruchteil taghell. Und in diesem Bruchteil sahen alle dasselbe: Der Sand war nicht flach.
Er lag in einem Kreis.
Lula packte Lailas Arm.
„Genau wie im Muschelhaus."
„Eins", sagte Lisa. „Zwei. Drei." Sie hob die Hand wieder. „Nochmal?"
„Nein." Laila schaute auf die graue Linie und rührte sich nicht. „Wir holen Coralie."
Coralie brauchte für den Weg zum Seegraswald zwei Stunden.
Das lag daran, dass sie nicht schnell schwamm, und daran, dass sie unterwegs bei jeder Koralle stehen blieb und sie kurz anfasste. Laura hatte das als Kind für eine Marotte gehalten. Inzwischen wusste sie, dass Coralie dabei zuhörte.
Als sie ankam, wurde es schon dunkel.
Sie sagte nichts. Sie schaute sich das graue Seegras an, dann den Kreis im Sand, dann wieder das Seegras. Dann nahm sie einen einzelnen grauen Halm zwischen die Finger und rieb ihn.
„Schattenwasser", sagte sie.
Laura wurde blass. „Das gibt es seit —"
„Seit sehr langer Zeit nicht mehr. Ich weiss." Coralie liess den Halm los. „Und trotzdem ist es hier."
„Warum vergessen die Fische Namen?", fragte Lula.
Coralie schaute sie an, und ihr Blick war freundlich und traurig zugleich.
„Weil Schattenwasser nicht die Erinnerung nimmt", sagte sie. „Es nimmt die Farbe. Und ein Name ist so etwas wie eine Farbe: Er macht aus irgendjemandem einen ganz bestimmten Jemand." Sie fuhr mit der Hand über den grauen Boden. „Wo keine Farbe mehr ist, sind eben alle gleich. Und gleiche Dinge braucht man nicht zu unterscheiden. Also braucht man auch keine Namen."
Lula dachte an Fritzi, der nicht mehr wusste, warum er losgeschwommen war.
„Kriegen sie es zurück?"
„Die Namen? Ja." Coralie richtete sich auf. „Nicht durch Magie. Durch Nachbarn. Wenn genug Leute dir lange genug sagen, wie du heisst, glaubst du es irgendwann wieder."
Es war ganz still. Nur oben rauschte irgendwo die Strömungsstrasse.
„Und das hier?", fragte Laila und zeigte auf den grauen Wald.
Coralie lächelte müde.
„Ihr drei? Ich habe gehört, was vorgestern über dem Palast passiert ist. Die halbe Stadt hat es gesehen."
Die Schwestern schauten sich an.
„Wir haben es erst einmal gemacht", sagte Lula.
„Dann macht es ein zweites Mal", sagte Coralie.
Sie stellten sich an die Linie.
Laura kniete am Boden, beide Hände im Sand, bereit, alles festzuhalten, was zurückkam. Lisa stand einen Schritt hinter den Schwestern, weil ihre Blitze sich im Wasser ausbreiten und weil sie das nie vergass.
Die drei hielten ihre Muscheln aneinander.
Der Regenbogen kam schneller als beim ersten Mal. Er stand über dem grauen Rand des Waldes, warm und ruhig, und wo sein Licht hinfiel, kroch die Farbe zurück in die Halme — langsam, wie Tinte, die man in Wasser tropft, nur rückwärts.
Lula spürte, wie ihre Muschel warm wurde. Nicht heiss. Nur warm, so wie eine Hand.
Sie hielt durch, solange sie konnte.
Als das Licht ausging, war ein Teil des Waldes wieder grün.
Ein Teil.
Weiter nördlich, wo das Regenbogenlicht nicht mehr hingereicht hatte, blieb alles grau.
„Es hat nicht gereicht", sagte Lula, und ihre Stimme klang dünn.
„Es hat für hier gereicht", sagte Laura vom Boden aus. „Schau."
Zwischen ihren Fingern wuchs ein Halm. Ein grüner. Dann noch einer.
Auf dem Rückweg schwamm Fritzi neben Lula her und redete wieder ohne Pause.
Ihm war eingefallen, dass er Frau Perlmutt etwas ausrichten sollte, und diesmal wusste er auch was, und er erzählte es dreimal, weil er sich so freute. Zwischendurch erzählte er noch, dass Ole seinen eigenen Namen wieder wusste und ihn seither jedem sagte, ob der wollte oder nicht.
Nur eine Sache fiel Fritzi nicht mehr ein.
Er wusste nicht mehr, dass er einmal etwas vergessen hatte.
Lula überlegte kurz, ob sie es ihm sagen sollte.
Sie liess es.
Und ganz am Rand des Weges, halb im Sand, lag eine kleine graue Muschel. Niemand sah sie. Die Strömung schob sie ein Stück weiter Richtung Stadt.
Ende von Folge 2