FRITZI VERGISST EINE NACHRICHT

Staffel 1 · Folge 2
Die Figuren
Im Laslantischen Ozean wohnen mehr Meerjungfrauen, Meermänner und Meerestiere, als man auf den ersten Blick denkt. Hier findest du sie alle — die drei Schwestern, ihre Familie im Perlenpalast, ihre besten Freundinnen, die Haustiere, den Bösewicht aus dem Schattengraben und all die kleinen Bewohner, denen man am Riffmarkt begegnet.

Zwei Dinge haben sie alle gemeinsam. Jede Figur trägt genau eine Muschel an ihrem Halsband, und man erkennt an ihrer Farbe sofort, wer sie ist. Und jede Zauberkraft hat eine Grenze — Laila muss sich nach einem grossen Zauber ausruhen, Lisa muss zwischen zwei Blitzen bis drei zählen, und die Bläschenkraft der Babys funktioniert nur, wenn jemand sie kitzelt.

Ohne diese Grenzen wäre jedes Abenteuer nach zwei Seiten vorbei.
Es gab im Laslantischen Ozean genau eine Sache, auf die man sich hundertprozentig verlassen konnte, und die hiess Fritzi.

Fritzi war ein Goldfisch, orangegold und im Licht fast leuchtend, ungefähr so gross wie eine Hand, und er redete. Er redete beim Schwimmen, er redete beim Fressen, und Frau Perlmutt behauptete, er rede auch im Schlaf. Über seiner Flosse hing eine winzige Umhängetasche aus Seegras, in der er Nachrichten transportierte.

Aber die Tasche war eigentlich nur Deko. Fritzi merkte sich alles im Kopf.

„Achtundvierzig Nachrichten heute", rief er Luna zu, als sie über die Strömungsstrasse kam. „Achtundvierzig! Und ich habe noch keine einzige verloren, seit — seit — na jedenfalls seit lange!"

„Gratuliere", sagte Luna.

„Willst du eine hören? Herr Krabb hat Frau Perlmutt ausrichten lassen, dass ihre Muschelketten zu teuer sind. Und Frau Perlmutt hat zurückausrichten lassen, dass Herr Krabb sich das nicht leisten kann, weil er ja nur ein Lehrer ist. Und dann—"

„Fritzi."

„Ja?"

„Das sollst du wahrscheinlich nicht weitererzählen."

Fritzi dachte darüber nach. Ungefähr eine halbe Sekunde lang.

„Wahrscheinlich nicht", gab er zu und schwamm weiter.

• • •
Am Nachmittag war Lula am Riffmarkt, um Seetang zu holen, als Fritzi sie fand.

Er kam angeschossen wie immer, bremste vor ihrem Gesicht, machte den Mund auf — und machte ihn wieder zu.

Dann machte er ihn nochmal auf.

„Ich soll dir was ausrichten", sagte er.

„Was denn?"

„Ich soll dir was ausrichten", wiederholte Fritzi.

Lula wartete.

Fritzi schaute an ihr vorbei. Seine Augen, die normalerweise viel zu gross und viel zu aufgeregt waren, wurden schmal.

„Von jemandem", sagte er langsam. „Es war jemand. Der hat gesagt, ich soll dir was ausrichten. Und ich bin sofort losgeschwommen, weil es wichtig war." Er schluckte. „Es war wichtig, Lula. Ich weiss noch, dass es wichtig war."

„Und was war es?"

„Ich weiss es nicht mehr."

Fritzi sagte es ganz leise, und das war das Schlimmste daran. Fritzi sagte nie etwas leise.

„Ich weiss nicht mehr, wer es war. Ich weiss nicht mehr, was er gesagt hat. Ich weiss nur noch, dass ich losgeschwommen bin." Er sank ein Stück nach unten, bis er fast auf einer Koralle sass. „Wie kann man sich merken, dass man losgeschwommen ist, und nicht, warum?"

Lula setzte sich neben ihn in den Sand.

„Wo warst du, als es passiert ist?"

„Am Seegraswald. Am nördlichen Rand." Fritzi zuckte. „Da war ich noch nie. Da geht doch keiner hin."

• • •
Am nächsten Morgen brachte Frau Perlmutt die Sache ins Rollen, ohne es zu merken.

„Also ich finde ja", sagte sie zu einer Kundin, „dass die Kugelfische in letzter Zeit merkwürdig sind. Bo und Bibi, die Zwillinge. Die haben mich gestern gefragt, wie ich heisse."

Luna, die zwei Stände weiter stand, drehte den Kopf.

„Und heute Morgen", fuhr Frau Perlmutt fort und hielt eine Kette hoch, „das steht Ihnen übrigens hervorragend — heute Morgen kam Ole vorbei, der kleine Tintenfisch, und wollte wissen, wo der Riffmarkt ist. Während er mitten darauf stand!"

Luna war schon unterwegs.

Am Abend sassen sie zu fünft in der alten Küche des Muschelhauses: Laila, Luna, Lula, Lisa und Laura. Auf dem Tisch lag ein Stück flacher Stein, auf den Lisa mit einem winzigen Blitz Linien gebrannt hatte — eine Karte.

„Fritzi", sagte Lisa und setzte einen Punkt. „Nördlicher Seegraswald."

„Bo und Bibi", sagte Luna. „Die schwimmen jeden Morgen am Seegraswald vorbei."

„Ole." Laura tippte auf den Stein. „Der versteckt sich immer im Seegras, wenn ihm was peinlich ist. Also ungefähr täglich."

Fünf Punkte. Alle am selben Rand desselben Waldes.

„Was vergessen sie denn genau?", fragte Laila.

Alle schauten sich an.

Und dann sagte Laura den Satz, der allen kalt den Rücken hinunterlief:

„Namen. Sie vergessen alle Namen."

• • •
Der Seegraswald war Lauras Ort. Hier war ihre Magie am stärksten, hier musste sie nur den Boden berühren, und Seetang schoss aus dem Sand, so hoch sie wollte.

Am nördlichen Rand funktionierte es nicht.

Laura kniete sich hin, legte beide Handflächen auf den Grund und schloss die Augen. Normalerweise dauerte das einen Atemzug.

Diesmal dauerte es sechs. Dann kam ein einzelner Seetanghalm hoch, dünn wie ein Faden, und kippte um.

„Das ist noch nie passiert", sagte sie.

Sie schwammen weiter, dorthin, wo der Wald nach Norden hin dünner wurde. Und dann sahen sie es.

Es gab eine Linie.

Auf der einen Seite war das Seegras grün. Auf der anderen war es grau. Nicht braun, nicht verwelkt — grau, so wie ein Bild, aus dem jemand die Farben herausgenommen hat. Und die Linie dazwischen war so gerade, als hätte jemand sie mit einem Lineal gezogen.

Lisa streckte zwei Finger aus. „Soll ich?"

„Zähl mit", sagte Laila.

Der Blitz zuckte über den grauen Boden und beleuchtete ihn für einen Sekundenbruchteil taghell. Und in diesem Bruchteil sahen alle dasselbe: Der Sand war nicht flach. Er lag in einem Kreis.

Als hätte jemand lange an derselben Stelle gesessen und dabei mit der Hand Kreise gezogen.

Lula packte Lailas Arm.

„Genau wie im Muschelhaus."

„Eins", sagte Lisa. „Zwei. Drei." Sie hob die Hand wieder. „Nochmal?"

„Nein." Laila schaute auf die graue Linie. „Wir holen Coralie."

• • •
Coralie brauchte für den Weg zum Seegraswald zwei Stunden, weil sie nicht schnell schwamm und weil sie unterwegs bei jeder Koralle stehen blieb. Als sie ankam, wurde es schon dunkel.

Sie sagte nichts. Sie schaute sich das graue Seegras an, dann den Kreis im Sand, dann wieder das Seegras. Dann nahm sie einen einzelnen grauen Halm zwischen die Finger und rieb ihn.

„Schattenwasser", sagte sie.

Laura wurde blass. „Das gibt es seit —"

„Seit sehr langer Zeit nicht mehr. Ich weiss." Coralie liess den Halm los. „Und trotzdem ist es hier."

„Warum vergessen die Fische Namen?", fragte Lula.

Coralie schaute sie an, und ihr Blick war freundlich und traurig zugleich.

„Weil Schattenwasser nicht die Erinnerung nimmt", sagte sie. „Es nimmt die Farbe. Und ein Name ist so etwas wie eine Farbe: Er macht aus irgendjemandem einen ganz bestimmten Jemand." Sie fuhr mit der Hand über den grauen Boden. „Wo keine Farbe mehr ist, sind eben alle gleich. Und gleiche Dinge braucht man nicht zu unterscheiden. Also braucht man auch keine Namen."

Es war ganz still. Nur oben rauschte irgendwo die Strömungsstrasse.

„Können wir es zurückholen?", fragte Laila.

„Ihr drei?" Coralie lächelte müde. „Ich habe gehört, was vorgestern über dem Palast passiert ist. Die halbe Stadt hat es gesehen."

Die Schwestern schauten sich an. Dann hielten sie ihre drei Muscheln aneinander.

Der Regenbogen kam schneller als beim ersten Mal. Er stand über dem grauen Rand des Waldes, warm und ruhig, und wo sein Licht hinfiel, kroch die Farbe zurück in die Halme — langsam, wie Tinte, die man in Wasser tropft, nur rückwärts.

Als das Licht ausging, war ein Teil des Waldes wieder grün.

Ein Teil.

Weiter nördlich, wo das Regenbogenlicht nicht mehr hingereicht hatte, blieb alles grau.

Auf dem Rückweg schwamm Fritzi neben Lula her und redete wieder ohne Pause, weil ihm eingefallen war, dass er Frau Perlmutt etwas ausrichten sollte, und diesmal wusste er auch was.

Nur eine Sache fiel ihm nicht mehr ein.

Er wusste nicht mehr, dass er einmal etwas vergessen hatte.

Und ganz am Rand des Weges, halb im Sand, lag eine kleine graue Muschel. Niemand sah sie. Die Strömung schob sie ein Stück weiter Richtung Stadt.