Die Schule des Laslantischen Ozeans war eine flache, breite Muschel am Rand der Perlenstadt, und sie hatte einen einzigen Nachteil: Von den hinteren Plätzen aus konnte man hinausschauen. Wer dort sass, sah den halben Vormittag lang Fische vorbeiziehen und lernte deutlich weniger als vorne.
Unterrichtet wurde hier seit vierzig Jahren von demselben alten Krebs. Und in diesen vierzig Jahren hatte Herr Krabb drei Regeln aufgestellt.
Erstens: Wer zu spät kommt, sammelt Muscheln. Zweitens: Wer im Unterricht schläft, sammelt Muscheln. Drittens: Es gibt keine dummen Fragen.
Die dritte Regel stand nicht an der Tafel. Sie musste nicht dort stehen. Jeder Schüler, der je bei Herrn Krabb gesessen hatte, kannte sie, weil er sie mindestens einmal pro Woche sagte, meistens zu jemandem, der rot wurde.
Sechzehn Steinplätze in vier Reihen, vorne eine Tafel aus Schiefer, an der Decke ein Loch, durch das genau um zehn Uhr ein Lichtstrahl fiel und über den Boden wanderte. Herr Krabb benutzte ihn als Uhr.
An diesem Morgen war der Lichtstrahl gerade bei Reihe zwei, als Sina die Hand hob.
Sina war zwölf. Sie hatte eine hellgrüne Flosse und hellbraune Haare, die sie genau wie Laila trug — dieselbe Seite, dieselbe Welle, obwohl ihr das niemand geglaubt hätte, dass sie dafür jeden Morgen eine Stunde brauchte.
Sie hob die Schere. Also die Hand. Aber alle sagten „die Schere heben", weil Herr Krabb es so sagte und weil er selbst keine Hände hatte.
„Herr Krabb?"
„Sina."
„Sie haben gesagt, jede Meerjungfrau bekommt ihre Muschelfarbe, wenn ihre Magie aufwacht."
„Habe ich."
„Und Sie haben gesagt, die Farbe sucht sich die Muschel selber aus. Nicht wir."
„Auch das."
Sina holte Luft. Neben ihr malte jemand Kreise auf seine Tafel und hörte gar nicht zu.
„Warum gibt es dann niemanden ohne Farbe?"
Es war eine ganz normale Frage.
Es war die Sorte Frage, für die Herr Krabb normalerweise vierzig Minuten brauchte, mit einer Zeichnung an der Schiefertafel, mindestens zwei Beispielen und einem Schlusssatz, den man sich aufschreiben sollte.
Herr Krabb legte den Zeigestock hin.
„Wir machen weiter mit Strömungen", sagte er. „Schlagt die Tafel auf, Seite zwei."
„Aber —"
„Seite zwei, Sina."
Und das war so falsch, dass sechzehn Schüler gleichzeitig aufhörten zu atmen.
Der, der Kreise gemalt hatte, hörte auf zu malen.
Nach dem Unterricht wartete Sina zwei Stunden vor dem Perlenpalast.
Sie hatte sich unterwegs dreimal umgedreht und war dreimal wieder umgekehrt. Sie hatte sich zurechtgelegt, was sie sagen würde. Dann hatte sie es wieder verworfen, weil es dumm klang. Dann hatte sie sich etwas Neues zurechtgelegt.
Am Ende sprach sie niemanden an.
Laila fand sie.
„Du bist die aus der Nachbarmuschel", sagte Laila. „Sina, oder?"
Sina bekam kein Wort heraus. Laila von Laslantica kannte ihren Namen. Sie überlegte kurz, ob sie einfach umkippen sollte, und entschied sich dagegen, weil das noch peinlicher gewesen wäre.
„Ich —", sagte sie. „Herr Krabb."
„Was ist mit ihm?"
„Er hat nicht geantwortet."
Und dann kam alles auf einmal: die Frage, das Schweigen, der Zeigestock, den er hingelegt hatte, und die Sache mit Seite zwei. Laila hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Das machte fast niemand bei Sina, weil sie beim Reden schnell wurde und die Sätze ineinanderrutschten.
Als sie fertig war, war Lailas Gesicht ganz ruhig.
„Sag das nochmal", sagte Laila. „Die Frage. Genau so, wie du sie gestellt hast."
„Warum gibt es niemanden ohne Farbe?"
Laila sagte nichts.
„War sie doof?", fragte Sina.
„Nein", sagte Laila langsam. „Sie war gut. Sie war so gut, dass jemand nicht will, dass sie beantwortet wird."
Sina schaute sie an und wusste nicht, ob sie sich freuen oder erschrecken sollte.
„Kommst du mit?", fragte Laila.
„Wohin?"
„In deine Schule. Heute Abend."
Sie gingen zu viert: Laila, Luna, Sina und Loran, der wieder mitkam und wieder nicht gefragt hatte.
„Du warst nicht mal eingeladen", sagte Luna.
„Ich bin ihr Zwillingsbruder", sagte Loran. „Ich lade mich selbst ein."
Die Schule war nachts anders. Ohne die sechzehn Schüler wirkte der Raum viel grösser, und das Loch in der Decke liess kein Licht mehr herein, sondern nur Dunkelheit.
Herr Krabb war nicht da. Aber sein Regal war da.
In diesem Regal standen die Chroniken — dicke Bücher aus gepressten Algen, in denen alles stand, was im Laslantischen Ozean je passiert war. Wer geboren wurde. Wer starb. Wann das Regenbogenriff zum ersten Mal blühte. Welches Jahr die Strömung ausblieb.
„Wir suchen nach Jahren", sagte Luna.
Sie fingen von hinten an, beim Neuesten, und arbeiteten sich zurück. Sina las mit. Ihre Hände zitterten ein bisschen, und sie hoffte, dass es niemand sah.
Sie brauchten nicht lange.
„Hier", sagte Loran. „Vor achtundsechzig Jahren."
Alle beugten sich über die Seite.
Es war keine Seite. Es war der Rest einer Seite. Jemand hatte sie herausgetrennt, sauber und gerade, und es war lange her, weil die Bruchkante schon dunkel geworden war.
Auf dem Stück, das übrig war, standen drei Wörter am Rand:
— und seine Stimme
Mehr nicht.
Sina las es dreimal. „Wessen Stimme?"
„Das wollte jemand nicht sagen", sagte Luna.
Loran drehte das Buch zum Licht. „Und schaut mal die Seite davor an."
Die Seite davor war da. Sie handelte von einem Sommer, in dem besonders viele Kinder geboren wurden, und endete mitten im Satz.
Der Satz lautete: In diesem Jahr wurde im Laslantischen Ozean ein Kind geboren, das
Und dann kam nichts mehr.
In dem Moment ging hinter ihnen das Licht an.
Nicht viel Licht. Nur eine kleine Leuchtmuschel, die jemand in der Schere hielt.
„Ich habe sie nicht herausgerissen", sagte Herr Krabb.
Sina fuhr so heftig zusammen, dass sie gegen das Regal stiess und ein Buch fiel.
Herr Krabb hob es auf, ohne ein Wort, und stellte es zurück. Dann stellte er die Leuchtmuschel auf den Boden, mitten in den Raum, und setzte sich davor.
Er sah alt aus in diesem Licht. Älter als sonst. Die buschigen weissen Augenbrauen warfen Schatten über seine Augen, und der rote Panzer wirkte matt.
„Setzt euch."
Sie setzten sich. Sogar Loran.
„Ich habe die Seite nicht herausgerissen", sagte Herr Krabb noch einmal. „Das war vor meiner Zeit. Aber ich weiss, was darauf stand, weil mein Vorgänger es mir erzählt hat, als ich diese Stelle übernommen habe. Vor vierzig Jahren, in genau diesem Raum. Und er hat es mir mit einer Bedingung erzählt."
„Welcher?", fragte Laila.
„Dass ich es nicht unterrichte."
Sina rutschte auf ihrem Steinplatz nach vorne. „Warum denn nicht?"
Herr Krabb schaute sie an, und zum ersten Mal in ihrem Leben sah Sina, dass dieser strenge alte Krebs eigentlich sehr müde war.
„Weil man Kindern beibringen soll, was gut ist", sagte er. „Und nicht, wie leicht es kaputtgeht."
Niemand sagte etwas dazu. Es gab nichts zu sagen.
„Ich sage euch, was ich sagen darf. Nicht mehr." Er hob eine Schere. „Erstens: Es hat einmal jemanden gegeben, der ohne Farbe geboren wurde. Genau einen. In achthundert Jahren Chronik genau einen."
„Zweitens?", sagte Luna.
„Zweitens: Er war kein böser Meermann. Er war ein sehr freundlicher." Herr Krabb machte eine Pause. „Er hat mir — nein. Das gehört nicht dazu."
„Was?", fragte Laila sofort.
„Nichts."
„Herr Krabb."
Der alte Krebs schwieg einen Moment.
„Er hat meinem Vorgänger einmal geholfen, sechzehn Schüler aus einer Strömung zu ziehen, in die sie nicht gehörten. Allein. Er war achtzehn." Herr Krabb schaute auf die Leuchtmuschel. „Das steht in keinem Buch, weil die Seite fehlt."
Sina merkte, dass sie den Atem anhielt.
„Und drittens?"
Herr Krabb hob den Blick.
„Drittens: Was aus ihm geworden ist, war nicht seine Schuld allein. Wir haben ihn warten lassen. Und wir haben ihm nie gesagt, worauf."
„Wer ist ‚wir'?", fragte Loran leise.
„Alle", sagte Herr Krabb. „Der ganze Ozean."
Sie brachten Sina nach Hause, und keiner redete.
Erst kurz vor der Perlenstadt blieb Laila stehen.
„Drei Dinge", sagte sie. „Und alle drei in einer Woche."
Sie hielt die Finger hoch.
„Erstens: Lulas Muschel wird kalt, und im Muschelhaus liegt eine graue Muschel im Sand, in einem Kreis."
„Zweitens", sagte Luna. „Der Seegraswald wird grau, und im Sand liegt derselbe Kreis."
„Und drittens", sagte Laila, „gibt es eine Geschichte über jemanden ohne Farbe, die seit achtundsechzig Jahren niemand erzählen darf."
Sina, die die ganze Zeit hinterhergeschwommen war, weil sie nicht wusste, ob sie eigentlich noch dazugehörte, sagte plötzlich:
„Es ist alles dasselbe."
Alle drehten sich zu ihr um.
Sie wurde rot. Sie merkte, dass sie rot wurde, und wurde noch röter.
„Also — ich meine — er sitzt im Sand und macht Kreise. Und er nimmt Muscheln in die Hand, um zu schauen, ob sie für ihn leuchten. Und dann leuchten sie nicht, weil sie ja jemand anderem gehören. Und dann legt er sie wieder hin und geht weiter und probiert die nächste."
Es war so still, dass man das Rauschen der Strömungsstrasse hörte.
„Er sucht was", sagte Sina. „Oder?"
Laila schaute das Mädchen an, das ihre Frisur kopierte, sich nicht traute, jemanden anzusprechen, und als Einzige laut ausgesprochen hatte, was alle anderen nur gedacht hatten.
„Ja", sagte sie. „Er sucht was."
„Und was?"
„Das", sagte Laila, „wissen wir noch nicht."
Vor der Nachbarmuschel drehte Laila sich noch einmal um.
„Sina?"
„Ja?"
„Die Frisur steht dir besser als mir."
Sina bekam wieder kein Wort heraus. Aber sie strahlte den ganzen Weg bis in ihre Kammer, und als ihre Mutter fragte, warum sie so spät sei, sagte sie: „Ich war mit Laila unterwegs", und ihre Mutter glaubte ihr kein Wort.
Am nächsten Morgen fand Oma Lilo die Tür zur Perlenkammer offen.
Nichts fehlte. Die grosse Perle leuchtete wie immer, alle Muscheln lagen an ihrem Platz, und der Staub auf den Regalen war unberührt. Die beiden Wachen der Tintenfisch-Garde hatten die ganze Nacht davorgestanden und niemanden gesehen. Hauptmann Tinto liess sie dreimal wiederholen, dass sie niemanden gesehen hatten, und sie wiederholten es dreimal, und beide Male stimmte es.
Nur eine Sache war anders.
Die kleine graue Muschel, die Oma Lilo vor drei Tagen in ein Fach ganz hinten gelegt hatte, lag jetzt mitten im Raum. Auf dem Boden. Genau in der Mitte.
Und um sie herum, in feinem hellem Sand, war ein Kreis gezogen.
Oma Lilo stand lange in der Tür.
Dann ging sie hinein, hob die Muschel auf, wischte den Sand mit der Hand weg und legte sie zurück ins Fach.
Sie sagte niemandem etwas davon.
Ende von Folge 3