Es gibt im Perlenpalast eine Treppe, die zu nichts führt. Sie beginnt in der grossen Halle, macht acht Stufen und hört dann einfach auf, weil vor zweihundert Jahren jemand einen Turm geplant und dann doch nicht gebaut hat. Kinder sitzen dort gern. Alte Meermänner auch.
Auf dieser Treppe sass an diesem Nachmittag Laila, und neben sie setzte sich ihr Grossvater.
Opa Lambi hatte in seinen sechsundneunzig Jahren zwei Dinge perfektioniert.
Das erste waren Muschelbonbons. Er hatte immer welche dabei, in einem kleinen Beutel an der Hüfte, und er behauptete steif und fest, er mache sie selbst, obwohl alle wussten, dass er sie am Riffmarkt kaufte. Zweimal die Woche, immer beim selben Stand, immer dieselbe Sorte.
Das zweite war Schwerhörigkeit.
„Lambi!", rief Oma Lilo durch die Halle. „Die Anemonen auf dem Westturm!"
„Was?"
„Die Anemonen! Sie brauchen Wasser!"
„Ich verstehe kein Wort, Lilo."
„Du verstehst mich ausgezeichnet, wenn ich sage, dass es Kuchen gibt."
„Was für Kuchen?"
Laila versuchte, nicht zu lachen, und schaffte es nicht.
Ihr Grossvater zwinkerte ihr zu und liess sich schwerfällig auf die Stufe sinken. Er machte dabei ein Geräusch, das man mit sechsundneunzig offenbar machen darf, halb Seufzen, halb Ächzen, und schob ihr wortlos ein Muschelbonbon hin.
Seine Flosse war verwaschen blau. Und über die linke Seite lief eine Narbe, breit wie ein Finger, vom Knie bis fast zur Flossenspitze.
Laila hatte diese Narbe ihr ganzes Leben lang gesehen. Sie hatte tausendmal gefragt. Mit vier, mit sieben, mit zwölf. Sie hatte jedes Mal eine andere Antwort bekommen, und keine davon hatte gestimmt: ein Hai, eine Strömung, ein Streit mit einem Schwertfisch, der zufällig auch Lambi hiess.
Heute fragte sie anders.
„Opa. Was steht auf der Seite, die aus der Chronik gerissen wurde?"
Der alte Meermann hielt mitten in der Bewegung inne, die Hand schon wieder im Bonbonbeutel.
Dann zog er sie langsam heraus. Leer.
„Ach so", sagte er. „Ihr wisst es also."
„Wir wissen gar nichts. Das ist ja das Problem."
Opa Lambi schaute eine Weile auf seine Hände.
„Hol deine Geschwister", sagte er. „Wir gehen an einen anderen Ort. Das erzählt man nicht auf einer Treppe."
Sie schwammen zur Singenden Sandbank, weil Opa Lambi darauf bestand.
Es war Abend. Die Strömung strich durch die grossen Muscheln, die überall im goldenen Sand lagen, und der ganze Ort machte seine Melodien, ohne dass jemand etwas dafür tun musste. Man konnte hier nicht laut sein. Es ging einfach nicht.
Laila, Luna, Lula und Loran setzten sich in einen Halbkreis. Opa Lambi blieb stehen.
„Ich war zwanzig", sagte er. „Und ich war der Beste. Strömungswächter, so wie mein Vater und wie sein Vater. Ich konnte euch sagen, wo im ganzen Ozean in drei Tagen die warme Strömung sein würde, und ich hatte immer recht. Immer."
„Das erzählst du oft", sagte Loran.
„Ich erzähle es oft, weil es der einzige Teil ist, der leicht zu erzählen ist." Opa Lambi setzte sich doch. Langsam, umständlich, wie jemand, der Zeit gewinnen will.
„Und der Junge?", fragte Lula.
„Der Junge war achtzehn." Der alte Meermann schaute in den Sand. „Und er war nicht der Beste in irgendwas. Er war nur der Einzige."
„Er wurde ohne Farbe geboren", sagte Opa Lambi. „Seine Flosse war grau. Nicht krank, nicht hässlich, nicht kaputt — grau. So wie ein Stein grau ist. Und im Laslantischen Ozean, wo jeder eine Farbe hat, war das ungefähr das Auffälligste, was einem passieren konnte."
„Wurde er geärgert?", fragte Luna.
„Nein." Opa Lambi schüttelte den Kopf. „Das wäre einfacher gewesen. Wenn dich jemand ärgert, kannst du wütend werden. Wut kann man brauchen."
Er strich mit der Hand über den Sand.
„Er wurde getröstet. Jeden Tag. Von jedem. Alle sagten ihm, dass es nicht schlimm sei. Dass es nicht wichtig sei. Dass er auch so vollkommen in Ordnung sei." Er hob den Blick. „Wisst ihr, was das mit einem macht? Wenn dir hundert Leute erklären, dass etwas nicht schlimm ist, dann weisst du ganz sicher: Es ist schlimm. Sonst müsste es dir ja niemand erklären."
Lula zog die Knie an.
„Wir haben ihn behandelt wie jemanden, dem etwas fehlt", sagte Opa Lambi. „Achtzehn Jahre lang. Jeden einzelnen Tag. Und wir haben es freundlich gemacht, das war das Schlimmste daran."
„Aber er hatte etwas", sagte der alte Meermann. „Und zwar mehr als wir alle zusammen."
Er legte die Hand auf den Sand neben sich.
„Genau hier hat er gesessen. An dieser Stelle. Und wenn er sang, hörten die Wale auf zu schwimmen."
Loran runzelte die Stirn. „Das ist eine Redewendung."
„Das ist keine Redewendung, Junge. Ich habe daneben gesessen." Opa Lambi lächelte, und es war kein fröhliches Lächeln. „Wumm war damals jung. Der ist mitten in der Bewegung stehen geblieben und hat sich einfach treiben lassen. Zwanzig Minuten lang. Ein Wal, der nicht schwimmt. Frag ihn selbst, er erinnert sich."
„Wale erinnern sich an alles", sagte Lula leise.
„Wale erinnern sich an alles."
„Wie hat es geklungen?", fragte sie.
Opa Lambi suchte lange nach Worten.
„Wie eine Farbe", sagte er schliesslich. „Ich weiss, dass das keinen Sinn ergibt. Aber wenn er sang, dann war es, als hätte er doch eine. Man hat sie nicht gesehen. Man hat sie gehört."
Er schwieg.
„Wir haben ihm das nie gesagt."
„Was?", fragte Laila.
„Dass er eine hatte." Opa Lambi sagte es sehr einfach, fast beiläufig. „Wir haben ihm gesagt, dass Grau auch schön ist. Wir haben ihm gesagt, dass er Geduld haben soll. Wir haben ihm alles gesagt, ausser dem einzigen Satz, der etwas geändert hätte."
„Und der wäre?"
„Du hast schon eine. Sie kommt aus deinem Mund."
Auf der Sandbank pfiff die Strömung durch eine grosse rosa Muschel, drei Töne, immer dieselben.
„Warum habt ihr es nicht gesagt?", fragte Luna.
„Weil wir es selbst nicht gemerkt haben", sagte Opa Lambi. „Wir dachten, er singt schön. Wir haben nicht verstanden, dass er dabei aufhört, grau zu sein."
„Er ging zu Lilo", sagte Opa Lambi. „Zu eurer Grossmutter. Sie hütete die Perlenkammer schon damals, sie war neunzehn und sie war streng, und sie hat ihm die Wahrheit gesagt."
„Welche Wahrheit?", fragte Laila.
„Dass man Farbe nicht machen kann. Dass man sie geschenkt bekommt, von jemandem, der einen liebhat. Und dass er warten muss, bis er jemanden findet."
Luna runzelte die Stirn. „Das stimmt doch."
„Das stimmt", sagte Opa Lambi. „Und es war trotzdem das Schlimmste, was man ihm in diesem Moment sagen konnte. Weil er achtzehn Jahre lang gewartet hatte. Und weil ihm niemand sagen konnte, wie lange noch."
Er strich über die Narbe an seiner Flosse.
„Ich habe ihn an dem Abend noch gesehen. Er kam hier vorbei, an der Sandbank. Ich sass genau da." Er zeigte auf eine Stelle drei Meter weiter. „Ich habe gefragt, ob er singen will. Er hat gesagt, heute nicht."
„Und dann?"
„Dann bin ich nach Hause gegangen."
Der alte Meermann sagte es ohne jede Betonung, und trotzdem hörten alle vier, was darin lag.
„In derselben Nacht ist er in die Perlenkammer eingebrochen."
Opa Lambi sass sehr gerade.
„Er wollte sich das Licht der grossen Perle nehmen. Nicht stehlen — nehmen. Er hat wohl geglaubt, wenn Farbe von irgendwo herkommt, dann von dort."
„Warst du dabei?", fragte Laila.
„Ich war dabei." Er nickte langsam. „Ich konnte nicht schlafen. Ich habe an sein Gesicht gedacht, als er sagte, heute nicht. Und irgendwann bin ich aufgestanden und zum Palast geschwommen, ohne zu wissen, warum."
Er atmete aus.
„Ich habe ihn gesehen, wie er hineingeschwommen ist. Und ich bin hinterher. Ich wollte ihn festhalten. Ich habe seine Hand zu fassen bekommen, eine Sekunde bevor er die Perle berührt hat."
Er hob die Hand und schaute sie an, als wäre sie nicht seine.
„Das Licht liess sich nicht nehmen. Es hat ihn verbrannt. Seine Flosse wurde schwarz, seine Augen rot, und aus dem Schatten unter ihm sind Dinge gewachsen, die ich nicht beschreiben will. Und weil ich seine Hand hielt, hat es mich auch erwischt."
Er zeigte auf die Narbe.
„Das ist keine Wunde von einem Kampf. Das ist die Stelle, wo ich ihn nicht losgelassen habe."
Lula weinte, ohne es zu merken.
Es war lange still auf der Singenden Sandbank. Nur die Muscheln machten ihre Musik weiter, weil Muscheln nicht wissen, wann jemand traurig ist.
„Und seine Stimme?", fragte Lula endlich.
„Die ist mit seiner Farbe verschwunden." Opa Lambi sagte es tonlos. „In derselben Sekunde. Er hat den Mund aufgemacht, um zu schreien, und es kam nichts. Gar nichts." Er schluckte. „Ich glaube, das hat ihn kaputter gemacht als die Flosse."
„Was ist dann passiert?", fragte Loran.
„Er ist geflohen. Nach unten. Und wir haben eine Woche lang gesucht und ihn nicht gefunden, und nach einem Monat haben wir aufgehört zu suchen, weil man irgendwann aufhört."
„Und die Seite in der Chronik?"
„Die hat euer Urgrossvater herausgerissen. Zwei Jahre später." Opa Lambi schaute Laila an. „Nicht aus Bosheit. Aus Scham. Der ganze Ozean hat einen Jungen achtzehn Jahre lang warten lassen und ihm dabei freundlich zugeschaut. Und als es schiefging, haben wir eine Seite aus einem Buch gerissen und gesagt: Das war ein böser Meermann, den gab es schon immer."
Laila fühlte etwas in der Brust, das sie nicht einordnen konnte. Es war nicht Angst.
Es war schlimmer.
„Opa. Wie hiess er?"
Opa Lambi schaute sie an. Zum ersten Mal an diesem Abend sah er wirklich alt aus.
„Ihr kennt den Namen", sagte er. „Ihr kennt ihn, seit ihr klein seid. Ihr habt ihn nur nie zusammen mit einem Jungen gehört, der Muschelbonbons mochte und schöner sang als alle."
Er stand auf.
„Er hiess Dolen."
Auf dem Rückweg schwamm niemand vorne.
Sie schwammen alle nebeneinander, was auf der Strömungsstrasse eigentlich verboten ist, aber Torv sagte nichts. Er sah sie kommen, hob die Muschelpfeife und liess sie wieder sinken.
„Er ist trotzdem böse", sagte Loran irgendwann.
„Ja", sagte Laila.
„Er macht trotzdem alles grau."
„Ja."
„Aber?"
Laila schwamm eine Weile weiter, bevor sie antwortete.
„Aber jetzt weiss ich, wonach er sucht", sagte sie. „Und ich glaube nicht, dass er es findet, indem er unsere Muscheln ausprobiert."
„Und wenn doch?", fragte Lula.
„Dann würde eine von ihnen für ihn leuchten." Laila schaute geradeaus. „Und keine tut es. Seit achtundsechzig Jahren nicht."
Hinter ihnen, auf der Singenden Sandbank, blieb Opa Lambi noch eine Weile allein sitzen.
Er nahm ein Muschelbonbon aus dem Beutel. Drehte es zwischen den Fingern. Überlegte.
Dann legte er es in den Sand, ein Stück von sich entfernt.
So wie man etwas hinlegt, wenn man hofft, dass es jemand abholt.
Er blieb sitzen, bis das Licht ganz weg war. Dann schwamm er nach Hause und sagte Oma Lilo nicht, wo er gewesen war, und sie fragte nicht, weil sie es wusste.
Am nächsten Morgen war das Bonbon weg.
Und an der Stelle, wo es gelegen hatte, war ein kleiner Kreis in den Sand gezogen.
Ende von Folge 4