Opa Lambi hatte in seinen sechsundneunzig Jahren zwei Dinge perfektioniert.
Das erste waren Muschelbonbons. Er hatte immer welche dabei, in einem kleinen Beutel an der Hüfte, und er behauptete steif und fest, dass er sie selbst mache, obwohl alle wussten, dass er sie am Riffmarkt kaufte.
Das zweite war Schwerhörigkeit.
„Lambi!", rief Oma Lilo durch die Halle. „Die Anemonen auf dem Westturm!"
„Was?"
„Die Anemonen! Sie brauchen Wasser!"
„Ich verstehe kein Wort, Lilo."
Laila, die auf der Treppe sass, versuchte nicht zu lachen und schaffte es nicht.
Ihr Grossvater zwinkerte ihr zu und liess sich neben sie auf die Stufe sinken. Seine Flosse war verwaschen blau, und über die linke Seite lief eine Narbe, breit wie ein Finger, vom Knie bis fast zur Flossenspitze.
Laila hatte diese Narbe ihr ganzes Leben lang gesehen. Und sie hatte tausendmal gefragt.
Heute fragte sie anders.
„Opa. Was steht auf der Seite, die aus der Chronik gerissen wurde?"
Der alte Meermann hielt mitten in der Bewegung inne, die Hand schon im Bonbonbeutel.
Dann zog er sie langsam wieder heraus.
„Ach so", sagte er. „Ihr wisst es also."
• • •
Sie schwammen zur Singenden Sandbank, weil Opa Lambi darauf bestand. Es war Abend, die Strömung strich durch die grossen Muscheln, und der Sand machte seine Melodien, ohne dass jemand etwas dafür tun musste.
Laila, Luna, Lula und Loran setzten sich in den Halbkreis. Opa Lambi blieb stehen.
„Ich war zwanzig", sagte er. „Und ich war der Beste. Strömungswächter, so wie mein Vater. Ich konnte euch sagen, wo im ganzen Ozean in drei Tagen die warme Strömung sein würde, und ich hatte immer recht."
„Und der Junge?", fragte Lula.
„Der Junge war achtzehn." Opa Lambi setzte sich doch. „Und er war nicht der Beste in irgendwas. Er war nur der Einzige."
Er schaute auf den Sand.
„Er wurde ohne Farbe geboren. Seine Flosse war grau. Nicht krank, nicht hässlich, nicht kaputt — grau. So wie ein Stein grau ist. Und im Laslantischen Ozean, wo jeder eine Farbe hat, war das ungefähr das Auffälligste, was einem passieren konnte."
„Wurde er geärgert?", fragte Luna.
„Nein." Der alte Meermann schüttelte den Kopf. „Das wäre einfacher gewesen. Er wurde getröstet. Jeden Tag. Von jedem. Alle sagten ihm, dass es nicht schlimm sei, dass es nicht wichtig sei, dass er auch so in Ordnung sei." Er hob den Blick. „Wisst ihr, was das mit einem macht? Wenn dir hundert Leute erklären, dass etwas nicht schlimm ist, dann weisst du ganz sicher: Es ist schlimm."
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„Aber er hatte etwas", sagte Opa Lambi. „Und zwar mehr als wir alle zusammen."
Er legte die Hand auf den Sand neben sich.
„Genau hier hat er gesessen. Und wenn er sang, hörten die Wale auf zu schwimmen."
Loran sah ihn an. „Das ist eine Redewendung."
„Das ist keine Redewendung, Junge. Ich habe daneben gesessen." Opa Lambi lächelte, und es war kein fröhliches Lächeln. „Wumm war damals jung. Der ist mitten in der Bewegung stehen geblieben und hat sich einfach treiben lassen. Zwanzig Minuten lang. Ein Wal, der nicht schwimmt."
„Wie hat es geklungen?", fragte Lula leise.
„Wie eine Farbe." Der alte Meermann suchte nach Worten. „Ich weiss, dass das keinen Sinn ergibt. Aber wenn er sang, dann war es, als hätte er doch eine. Man hat sie nicht gesehen. Man hat sie gehört."
Er schwieg eine Weile.
„Wir haben ihm das nie gesagt."
„Was?"
„Dass er eine hatte." Opa Lambi sagte es sehr einfach. „Wir haben ihm gesagt, dass Grau auch schön ist. Wir haben ihm gesagt, dass er warten soll. Wir haben ihm alles gesagt, ausser dem einzigen Satz, der etwas geändert hätte: Du hast schon eine. Sie kommt aus deinem Mund."
• • •
„Er ging zu deiner Urgrossmutter", sagte Opa Lambi zu Laila. „Nein — zu Lilo. Deiner Oma. Sie hütete die Perlenkammer schon damals, sie war jung und sie war streng, und sie hat ihm die Wahrheit gesagt."
„Welche Wahrheit?"
„Dass man Farbe nicht machen kann. Dass man sie geschenkt bekommt, von jemandem, der einen liebhat. Und dass er warten muss, bis er jemanden findet."
Luna runzelte die Stirn. „Das stimmt doch."
„Das stimmt", sagte Opa Lambi. „Und es war trotzdem das Schlimmste, was man ihm sagen konnte. Weil er achtzehn Jahre lang gewartet hatte. Und weil ihm niemand sagen konnte, wie lange noch."
Er strich über die Narbe an seiner Flosse.
„In derselben Nacht ist er in die Perlenkammer eingebrochen. Er wollte sich das Licht der grossen Perle nehmen. Und ich —"
Er stockte.
„Du warst dabei", sagte Laila.
„Ich war dabei." Opa Lambi nickte langsam. „Ich habe ihn gesehen, wie er hineingeschwommen ist. Und ich bin hinterher. Ich wollte ihn festhalten. Ich habe seine Hand zu fassen bekommen, eine Sekunde bevor er die Perle berührt hat."
Er schaute die vier an.
„Das Licht liess sich nicht nehmen. Es hat ihn verbrannt. Seine Flosse wurde schwarz, seine Augen rot, und aus dem Schatten unter ihm sind Dinge gewachsen, die ich nicht beschreiben will. Und weil ich seine Hand hielt, hat es mich auch erwischt."
Er zeigte auf die Narbe.
„Das ist keine Wunde von einem Kampf. Das ist die Stelle, wo ich ihn nicht losgelassen habe."
• • •
Es war lange still auf der Singenden Sandbank. Nur die Muscheln machten ihre Musik weiter, weil Muscheln nicht wissen, wann jemand traurig ist.
„Und seine Stimme?", fragte Lula.
„Die ist mit seiner Farbe verschwunden." Opa Lambi sagte es tonlos. „In derselben Sekunde. Er hat den Mund aufgemacht, um zu schreien, und es kam nichts. Gar nichts." Er atmete aus. „Ich glaube, das hat ihn kaputter gemacht als die Flosse."
„Warum darf man das nicht erzählen?", fragte Loran.
„Weil wir uns geschämt haben." Der alte Meermann sagte es ohne Umschweife. „Nicht er. Wir. Der ganze Ozean hat einen Jungen achtzehn Jahre lang warten lassen und ihm dabei zugeschaut. Und als es schiefging, haben wir eine Seite aus einem Buch gerissen und gesagt: Das war ein böser Meermann, den gab es schon immer."
Laila fühlte etwas in der Brust, das sie nicht einordnen konnte. Es war nicht Angst. Es war schlimmer.
„Opa. Wie hiess er?"
Opa Lambi schaute sie an. Zum ersten Mal an diesem Abend sah er wirklich alt aus.
„Ihr kennt den Namen", sagte er. „Ihr kennt ihn seit ihr klein seid. Ihr habt ihn nur nie zusammen mit einem Jungen gehört, der Muschelbonbons mochte und schöner sang als alle."
Er stand auf.
„Er hiess Dolen."
Auf dem Rückweg schwamm niemand vorne. Sie schwammen alle nebeneinander, was auf der Strömungsstrasse eigentlich verboten ist, aber Torv sagte nichts.
„Er ist trotzdem böse", sagte Loran irgendwann.
„Ja", sagte Laila.
„Er macht trotzdem alles grau."
„Ja."
„Aber?"
Laila schwamm eine Weile weiter, bevor sie antwortete.
„Aber jetzt weiss ich, wonach er sucht", sagte sie. „Und ich glaube nicht, dass er es findet, indem er unsere Muscheln ausprobiert."
Hinter ihnen, auf der Singenden Sandbank, blieb Opa Lambi noch eine Weile allein sitzen. Er nahm ein Muschelbonbon aus dem Beutel, überlegte, und legte es dann in den Sand, ein Stück von sich entfernt.
So wie man etwas hinlegt, wenn man hofft, dass es jemand abholt.
Am nächsten Morgen war es weg.
Und an der Stelle, wo es gelegen hatte, war ein kleiner Kreis in den Sand gezogen.