BLITZ UND BODEN

Staffel 1 · Folge 6
Die Figuren
Im Laslantischen Ozean wohnen mehr Meerjungfrauen, Meermänner und Meerestiere, als man auf den ersten Blick denkt. Hier findest du sie alle — die drei Schwestern, ihre Familie im Perlenpalast, ihre besten Freundinnen, die Haustiere, den Bösewicht aus dem Schattengraben und all die kleinen Bewohner, denen man am Riffmarkt begegnet.

Zwei Dinge haben sie alle gemeinsam. Jede Figur trägt genau eine Muschel an ihrem Halsband, und man erkennt an ihrer Farbe sofort, wer sie ist. Und jede Zauberkraft hat eine Grenze — Laila muss sich nach einem grossen Zauber ausruhen, Lisa muss zwischen zwei Blitzen bis drei zählen, und die Bläschenkraft der Babys funktioniert nur, wenn jemand sie kitzelt.

Ohne diese Grenzen wäre jedes Abenteuer nach zwei Seiten vorbei.
Alle im Laslantischen Ozean hielten Lisa und Laura für Schwestern.

Das lag daran, dass sie immer zusammen auftauchten, immer nebeneinander schwammen und beide ein pinkes Halsband mit einer Regenbogenmuschel trugen. Und es lag daran, dass niemand je gefragt hatte.

„Wir sind keine Schwestern", sagte Laura ungefähr einmal pro Woche zu irgendwem.

„Wir sind nicht mal gleich alt", ergänzte Lisa dann. „Sie ist sechsundzwanzig. Ich bin neunzehn."

„Sieben Jahre", sagte Laura.

„Sieben Jahre", sagte Lisa.

Und dann schwammen sie weiter, nebeneinander, und alle dachten wieder, sie seien Schwestern.

An diesem Morgen sassen sie zu zweit am Rand des Seegraswaldes, dort, wo das Grau anfing. Vor ihnen lag der Teil, den das Regenbogenlicht damals nicht mehr erreicht hatte.

„Sie schlafen alle noch", sagte Lisa. „Die drei sind seit dem Riff fertig."

„Ich weiss."

„Also gehen wir zu zweit."

Laura schaute sie an. „Ich habe nichts gesagt."

„Du hast heute Morgen dreimal in die Richtung geschaut", sagte Lisa. „Bei dir heisst das ‚wir gehen'."

• • •
Sie schwammen hinein.

Nach zehn Flossenschlägen hörte das Licht auf. Nicht weil es dunkel wurde — die Sonne stand oben genau wie vorher. Es war, als würde das Licht einfach nicht mehr ankommen.

„Boden", sagte Lisa.

Laura kniete sich hin und legte beide Handflächen auf den Grund.

Sie schloss die Augen. Eine Sekunde. Zwei. Fünf.

Nichts.

„Nochmal."

„Ich mache ja schon." Lauras Stirn glänzte. „Es ist da unten alles —" Sie suchte das Wort. „Alles gleich. Normalerweise spüre ich, wo etwas wachsen will. Wurzeln, Samen, alte Halme. Hier will nichts."

Sie stand auf und wischte sich die Hände an der Flosse ab, obwohl sie nicht schmutzig waren.

„Ich bin hier nutzlos, Lisa."

„Dann bin ich eben nützlich", sagte Lisa. „Halt Abstand."

Sie streckte Zeigefinger und Mittelfinger aus.

Der Blitz zuckte blauweiss durch das graue Wasser und machte für einen Sekundenbruchteil alles taghell. Laura sah in diesem Bruchteil einen Wald aus grauen Halmen, so weit man schauen konnte, und mittendrin etwas, das nicht dorthin gehörte.

Dann war es wieder dunkel.

„Eins", zählte Lisa. „Zwei. Drei."

„Da war was", sagte Laura.

• • •
Es waren zwei Muränen, und sie waren gerade dabei, sich zu streiten.

„Du solltest links suchen!"

„Ich habe links gesucht!"

„Das war rechts!"

„Wenn ich von da komme, ist das links!"

Lisa und Laura schauten sich an.

„Zisch und Zasch", sagte Laura.

„Sind die gefährlich?"

„Sie sind schnell. Und sie passen durch jede Ritze." Laura zuckte mit den Schultern. „Gefährlich sind sie eigentlich nur für sich selbst."

Die beiden Muränen entdeckten sie im selben Moment und erstarrten mitten im Streit.

„Oh", sagte Zisch.

„Oh", sagte Zasch.

Und dann schossen sie los — nicht auf die beiden zu, sondern durcheinander, kreuz und quer, so schnell und so unberechenbar, dass Lisa den Arm hob und wieder senkte, weil sie nicht traf.

„Sie machen das mit Absicht", rief Laura.

„Ich weiss!" Lisa drehte sich mit ihnen. „Ich kann nicht zielen, wenn —"

Ein Blitz. Er ging ins Leere.

„Eins."

Zisch schoss an ihrem Kopf vorbei.

„Zwei."

Zasch von der anderen Seite.

Drei!"

Der zweite Blitz traf Zasch mitten in der Bewegung. Die Muräne kringelte sich, trieb hilflos nach oben und wusste offensichtlich nicht mehr, wo oben und unten war.

Zisch blieb stehen.

„Zasch?"

„Mir ist schlecht", sagte Zasch von der Decke.

Und dann tat Zisch etwas, womit Lisa überhaupt nicht gerechnet hatte. Er hätte fliehen können. Er war schnell genug, er kannte den Wald, und niemand hätte ihn gefunden.

Er schwamm zu Zasch hoch und schob ihn nach unten in Sicherheit.

• • •
Danach ging alles sehr schnell.

Zisch drehte sich um, und in seinen kugeligen Augen war nichts Tollpatschiges mehr. Er kam geradeaus, und Lisa hatte gerade erst „eins" gesagt.

„Zwei —"

Er war zu nah.

Laura warf sich dazwischen. Sie hatte keinen Boden, keine Pflanzen und keine einzige Möglichkeit, irgendetwas wachsen zu lassen, also tat sie das Einzige, was ihr blieb: Sie stellte sich in den Weg und packte die Muräne mit beiden Händen.

Zisch wand sich. Er war stark, viel stärker, als er aussah.

„Drei", sagte Lisa — und liess die Hand sinken.

„Was machst du?", presste Laura hervor.

„Ich kann nicht!" Lisas Stimme überschlug sich. „Du bist zu nah! Der Blitz breitet sich aus, er würde dich mittreffen!"

„Dann triff mich mit!"

Nein."

Und in diesem Moment — mit einer Muräne in den Händen, im grauen Wasser, ohne einen einzigen Halm, der ihr helfen konnte — merkte Laura etwas.

Der Boden unter ihr war nicht mehr ganz still.

Da war ein Ziehen. Ganz schwach. Wie ein einzelner Faden.

Sie liess Zisch mit einer Hand los, streckte den Arm nach unten und berührte den Sand.

Ein Seetanghalm kam hoch. Genau einer, dünn wie eine Schnur.

Er reichte.

Er schlang sich einmal um Zisch, mehr nicht, und die Muräne hing plötzlich fest wie an einer Leine, und Laura liess los und stiess sich ab.

„JETZT!"

Lisas Blitz erwischte Zisch sauber. Er kringelte sich nach oben zu Zasch, und die beiden trieben nebeneinander an der Wasseroberfläche des grauen Waldes und stritten sich darüber, wessen Schuld das jetzt gewesen war.

• • •
Sie schwammen hinaus, bis das Licht wieder ankam.

Laura setzte sich in den Sand und schaute ihre Hände an.

„Da war was", sagte sie. „Ganz tief unten. Etwas, das noch wachsen wollte."

„Im Schattenwasser?"

„Ja." Laura sah auf. „Lisa. Das heisst, es ist nicht tot. Es ist nur zugedeckt."

Lisa setzte sich neben sie. Ihre Hände zitterten immer noch ein bisschen, so wie immer nach einem Blitz.

„Ich hätte fast nicht geschossen", sagte sie leise.

„Ich weiss."

„Nein, du weisst es nicht." Lisa schaute geradeaus. „Alle denken, meine Grenze ist, dass ich bis drei zählen muss. Das ist nicht meine Grenze. Meine Grenze ist, dass ich es nicht kann, wenn jemand, den ich mag, im Weg steht. Und der Wald ist voll. Und der Ozean ist voll. Und irgendwann steht jemand im Weg, und dann bin ich einfach nur ein Mädchen, das bis drei zählt."

Laura sagte lange nichts.

Dann sagte sie: „Dann geh ich eben immer aus dem Weg."

„Das ist keine Lösung."

„Doch." Laura grinste plötzlich. „Das ist genau die Lösung. Du zählst, ich gehe aus dem Weg. Ich halte den Boden, du machst das Licht. Ich bin sechsundzwanzig und du neunzehn, wir sind keine Schwestern, und trotzdem funktioniert das seit sieben Jahren."

Lisa lachte. Es kam ein bisschen wackelig heraus, aber es war ein Lachen.

„Sollen wir es den anderen erzählen?"

„Was denn? Dass wir ohne sie in den Wald sind und uns fast von zwei Muränen haben besiegen lassen?"

„Ja."

„Auf keinen Fall."

Sie erzählten es natürlich. Noch am selben Abend, weil Laura es nicht aushielt.

Laila hörte zu, ohne zu unterbrechen. Am Ende sagte sie nur einen Satz.

„Es wächst noch etwas da unten?"

„Ganz tief", sagte Laura. „Aber ja."

Laila schaute aus dem Fenster des Perlenpalasts hinunter auf die tausend Lichter der Stadt.

„Dann kann man es zurückholen", sagte sie. „Alles."