Es begann, wie fast alles Schlimme beginnt: mit einem Satz, der harmlos klang.
„Eine Stunde", sagte Königin Lorelei.
„Eine Stunde", wiederholte Laila.
„Sie haben gerade gegessen, sie sind müde, und sie werden die ganze Zeit schlafen." Die Königin richtete ihre Perlenkrone vor dem Perlmuttspiegel und drehte den Kopf hin und her, um zu prüfen, ob sie gerade sass. „Der Ball fängt gleich an. Euer Vater ist schon unten und tut so, als wäre er entspannt."
„Ist er nicht?"
„Er hat den Dreizack dreimal poliert." Lorelei beugte sich über die Wiege, küsste zwei kleine Stirnen und dann noch Lula auf den Kopf, weil Lula am nächsten stand. „Eine Stunde, ihr Lieben. Dann komme ich hoch."
Die Tür ging zu.
Die drei Schwestern drehten sich zur Wiege um.
Die Seetang-Wiege war ein Geschenk von Laura. Sie hing an vier Halmen von der Decke, und sie wiegte sich von selbst, weil Laura sie so gebaut hatte, dass die Strömung aus dem Fenster genau hineinlief. In dieser Wiege lagen Lulu und Lailu, acht Monate alt, pinke Flösschen, hellbraune Babyhaare, die im Wasser abstanden wie zwei kleine Wolken.
Beide hatten einen pinken Schnuller im Mund. Lulus mit einer winzigen Perle darauf, Lailus mit einem kleinen Stern.
Beide schliefen.
Am Fussende lag Diana zusammengerollt und schnurrte so leise, dass man es eher spürte als hörte.
Von unten drang das Murmeln von zweihundert Gästen herauf, dazu Musik und einmal, ganz deutlich, das Lachen von Frau Perlmutt.
„Das", sagte Luna, „wird das einfachste Babysitten der Geschichte."
Man sollte solche Sätze nicht laut aussprechen.
• • •
Die ersten zwölf Minuten waren tatsächlich einfach.
Lula setzte sich mit dem Rücken zur Wand und schaute den Zwillingen beim Schlafen zu, was sie stundenlang tun konnte, ohne sich zu langweilen. Luna stand am Fenster und beobachtete, wie unten die letzten Gäste ankamen. Laila sortierte die Muschelketten der Babys, die irgendwie immer durcheinandergerieten, obwohl niemand sie anfasste.
„Wusstest du", sagte Lula, „dass Lulu die Augen ganz schnell aufmacht, wenn du ihren Namen sagst? Auch im Schlaf. Lailu nicht."
„Erfindest du."
„Erfinde ich nicht." Lula beugte sich über die Wiege. „Lulu."
Ein winziges Auge ging auf, schaute Lula an, entschied, dass sich das Wachwerden nicht lohnte, und ging wieder zu.
Luna drehte sich vom Fenster um. „Okay. Das war beeindruckend."
„Ich hab's dir gesagt."
„Mach das nicht nochmal", sagte Laila, ohne aufzuschauen.
Vierzehnte Minute.
Und dann war Lailus Schnuller weg.
• • •
Niemand wusste, wie.
Er war da gewesen. Dann war er nicht mehr da gewesen. Dazwischen hatte Lula einmal gegähnt, und Diana hatte sich umgedreht, und das war alles.
„Er muss irgendwo sein", sagte Laila.
„Er war irgendwo", sagte Luna. „Genau da."
Lailu machte den Mund auf.
Sie schrie nicht sofort. Babys machen das nie. Zuerst kommt das Erkennen, dann die Enttäuschung, dann eine erstaunlich lange Pause, in der man noch alles hätte retten können, und erst dann kommt der Schrei.
In dieser Pause holte Lailu Luft. Sehr viel Luft. Deutlich mehr Luft, als in ein acht Monate altes Meerjungfrauenbaby hineinpassen sollte.
„Suchen!", zischte Laila.
Sie suchten. Unter der Wiege, in den Anemonen am Fenster, hinter dem Vorhang, im Sand in den Ecken. Diana half, indem sie sich genau auf die Stelle legte, die Luna gerade absuchen wollte.
„Diana!"
Diana schnurrte.
Lailu liess die Luft raus.
Der Schrei war beeindruckend. Er war so beeindruckend, dass unten in der Halle die Musik für einen Takt aussetzte.
Und weil ein Baby, das weint, immer dafür sorgt, dass das andere Baby mitweint, machte Lulu die Augen auf, schaute kurz nach ihrer Schwester, verstand die Lage und fing ebenfalls an.
„Okay", sagte Laila. „Okay. Ganz ruhig. Wir machen Folgendes."
Was sie danach machten, war das Falscheste, was man in dieser Situation machen konnte.
• • •
Lula meinte es nur gut.
Das ist wichtig, weil es später oft erzählt wurde, und in den meisten Fassungen kam Lula nicht besonders gut weg. Aber sie meinte es wirklich nur gut.
Sie beugte sich über die Wiege, machte ein Geräusch mit den Lippen, zog ein Gesicht, das im Perlenpalast seit Generationen funktionierte, und tippte Lailu ganz sanft auf den Bauch.
Lailu hörte auf zu weinen.
Lailu lachte.
„Nein", sagte Luna.
Aber da war es schon zu spät.
• • •
Es waren nicht ein paar Bläschen.
Es waren tausende, und sie kamen alle gleichzeitig, und sie kamen aus dem Lachen heraus wie ein Schneesturm, den jemand angeschaltet hat. Innerhalb von zwei Sekunden war die Wiege verschwunden. Innerhalb von vier Sekunden war die halbe Kammer voll.
Und weil Lulu ihre Schwester lachen hörte — und weil Babys nichts lustiger finden als andere Babys, die lachen — fing Lulu ebenfalls an.
Nochmal tausende.
Ein Bläschen, gross wie ein Kopfkissen, schloss sich um Diana und trug sie senkrecht nach oben an die Decke, wo die Meerkatze sich hinlegte, als wäre das von Anfang an der Plan gewesen.
Ein anderes hob den Vorhang aus der Verankerung und trug ihn davon.
Zwei weitere drückten von innen gegen die Tür, fanden den Spalt und schoben sie auf.
„Tür!", rief Laila.
Zu spät.
Die Bläschenwolke quoll aus der Kinderkammer hinaus in den Gang. Den Gang hinunter. Um die Ecke. Die grosse Treppe hinab.
Und die grosse Treppe des Perlenpalasts führte an genau einer Stelle vorbei, an der an diesem Abend zweihundert Gäste standen und darauf warteten, dass der König etwas Feierliches sagte.
Von unten kam ein Geräusch, das ungefähr so klang wie ein sehr höflicher Ozean, der sich furchtbar erschreckt.
Die drei Schwestern schauten sich an.
„Wie viel Zeit haben wir noch?", fragte Lula mit dünner Stimme.
Luna schaute nicht einmal hin. „Einunddreissig Minuten."
• • •
Was dann geschah, erzählte man sich im Laslantischen Ozean noch Jahre später, und es wurde mit jedem Jahr besser.
Die Bläschen füllten die grosse Halle vom Boden bis zur Decke. Sie waren nicht gefährlich. Sie waren nur überall.
König Larimar stand mit erhobenem Dreizack mitten darin und versuchte, würdevoll auszusehen, während drei Bläschen an seiner Perlmuttkrone hingen und ein viertes langsam an seinem Bart vorbeizog. Er hatte gerade zu einer Rede angesetzt. Er kam nie dazu, sie zu halten.
Frau Perlmutt behauptete anschliessend, das sei die schönste Dekoration gewesen, die sie je gesehen habe, und ausnahmsweise stimmte das sogar.
Fritzi schoss quer durch die Halle und schrie: „ICH MELDE DAS! ICH MELDE DAS SOFORT ÜBERALL!" — und niemand bezweifelte, dass er es tun würde.
Krix, der vergessliche Einsiedlerkrebs, versuchte in einem besonders grossen Bläschen sein Haus zu finden und war ehrlich verwirrt darüber, dass es dort nicht war.
Herr Krabb stand mit verschränkten Scheren am Rand und sagte zu niemandem: „Das kommt davon."
Und dann geschah das Unerhörte.
• • •
Hauptmann Tinto kam die Treppe herunter, um Ordnung zu schaffen.
Der Anführer der Tintenfisch-Garde hatte in seinem ganzen Leben noch nie gelacht. Das war keine Übertreibung, das war eine überprüfbare Tatsache — die Schwestern hatten es jahrelang versucht. Sie hatten Witze erzählt, Grimassen geschnitten, sich Sachen ausgedacht, die niemand hätte ernst bleiben lassen können.
Nichts.
Jetzt kam er die Treppe herunter, und er hatte alle acht Arme voll: Speer, Laterne, eine Schriftrolle mit der Gästeliste, und in den restlichen fünf jeweils ein Bläschen, das er einzufangen versuchte, während gleichzeitig drei neue nachkamen.
Er wirkte, mit Verlaub, wie jemand, der mit acht Armen versucht, Wasser zu tragen.
Auf halber Treppe blieb er stehen, um sich neu zu sortieren.
In diesem Moment stieg ein einzelnes Bläschen langsam vor sein Gesicht.
Es schwebte. Es zögerte. Und dann platzte es genau auf seiner Nase.
Und Hauptmann Tinto machte ein Geräusch.
Es war ein sehr kleines Geräusch. Es klang ungefähr wie ein Schluckauf, der versucht, sich als Husten zu tarnen. Es dauerte weniger als eine Sekunde.
Aber zweihundert Gäste, ein König, ein alter Krebs und drei Meerjungfrauen auf der Treppe hörten es alle gleichzeitig, und alle wussten sofort, was es gewesen war.
Der Hauptmann wurde tiefrot bis in die Armspitzen.
„Das war ein Husten", sagte er.
Niemand widersprach ihm.
Niemand musste.
• • •
Königin Lorelei kam nicht nach einer Stunde.
Sie kam nach zweiundfünfzig Minuten, weil die Nachricht schneller war als die Zeit, und weil Fritzi tatsächlich Wort gehalten hatte.
Sie stand in der Tür der Kinderkammer und schaute sich um.
In der Wiege schliefen zwei Babys tief und fest — Bläschenkraft macht sofort müde, das war das Einzige, worauf man sich verlassen konnte. An der Decke lag Diana in ihrem Bläschen und tat so, als hätte sie damit nichts zu tun. Der Vorhang fehlte. Auf dem Boden lag eine dünne Schicht Schaum.
Und mittendrin standen ihre drei Töchter, alle drei mit dem Gesichtsausdruck von Leuten, die genau wissen, dass Erklärungen jetzt nicht helfen.
„Erklärt es mir", sagte die Königin.
„Der Schnuller war weg", sagte Lula.
„Und?"
„Ich habe sie gekitzelt."
Königin Lorelei schloss kurz die Augen.
Dann setzte sie sich auf den Rand der Wiege — und zur grössten Überraschung aller drei fing sie an zu lachen. Richtig laut, so dass die Anemonen am Fenster aufgingen, weil sie dachten, es käme jemand Vertrautes.
„Weisst du, was dein Vater gerade macht?", fragte sie Laila.
„Schimpfen?"
„Er sitzt in der Halle und lässt sich von zwei Bläschen die Krone tragen, weil sie es besser können als er." Sie wischte sich die Augen. „Ich habe ihn seit Monaten nicht so gesehen. Seit Monaten, Laila."
Sie wurde still.
„Er schläft kaum noch, wisst ihr das?"
Die drei sagten nichts, weil sie es wussten.
• • •
Und dann wurde das Gesicht der Königin anders.
Sie beugte sich über den Boden, wo noch ein einzelnes Bläschen übrig geblieben war, hob es vorsichtig auf und drehte es im Licht.
„Laila. Komm her."
Laila kam.
„Zaubere etwas hinein."
„Was denn?"
„Irgendwas. Ein bisschen Licht."
Laila hielt die Regenbogenmuschel an das Bläschen und liess Licht hineinfliessen — und das Licht blieb drin. Es lief nicht aus. Es verteilte sich nicht im Wasser, so wie Licht das normalerweise tut. Es sass in dem Bläschen wie in einem Glas.
„Interessant", sagte Laila langsam.
„Jetzt pass auf."
Königin Lorelei nahm ein kleines Fläschchen von ihrem Gürtel. Darin war etwas Dunkles. Es bewegte sich nicht wie Wasser, und wo es an das Glas stiess, verlor das Glas kurz seine Farbe.
Lula machte einen Schritt zurück.
„Mama. Ist das —"
„Eine Probe. Vom grauen Riff." Die Königin sagte es sachlich. „Ich bin die Königin. Ich darf so etwas."
„Papa weiss nichts davon, oder?"
„Papa weiss nichts davon."
Sie liess einen einzigen Tropfen auf das Bläschen fallen.
Er perlte ab.
Er sickerte nicht ein. Er zerstörte nichts. Er glitt an der Bläschenhaut herunter, so wie Wasser an einer Feder herunterläuft, und löste sich unten im Ozean auf.
Die drei Schwestern schauten das Bläschen an und sagten kein Wort.
„Nochmal", sagte Luna schliesslich.
Die Königin liess einen zweiten Tropfen fallen. Und einen dritten.
Nichts.
„Schattenwasser kommt nicht hindurch", sagte Lorelei leise. „Kein einziger Tropfen. Und wisst ihr, warum?"
Sie schaute auf ihre beiden jüngsten Kinder, die in der Wiege schliefen und keine Ahnung hatten, wovon geredet wurde.
„Weil es aus Lachen gemacht ist. Und das ist das Einzige im ganzen Ozean, was er nie hatte."
• • •
Später, als alle schliefen, ging Diana durch den dunklen Gang.
Katzen tun das. Sie gehen nachts durch Gänge, in denen es nichts zu tun gibt, und niemand weiss, warum.
Vor der Tür der Kinderkammer blieb sie stehen.
Da lag der Schnuller.
Er lag nicht so, wie Dinge liegen, die irgendwohin gerollt sind. Er lag ordentlich, mit dem Stern nach oben, genau in der Mitte des Gangs, so als hätte ihn jemand hingelegt und dabei darauf geachtet, dass man ihn findet.
Daneben, im feinen Sand, den die Strömung immer in die Ecken schiebt, war ein Kreis gezogen.
Diana schnurrte nicht.
Sie starrte den Kreis eine ganze Weile an. Dann legte sie sich davor, mit dem Gesicht zur Treppe, und blieb dort bis zum Morgen.
Ende von Folge 7