DIE NACHT OHNE LICHT

Staffel 1 · Folge 8
Die Figuren
Im Laslantischen Ozean wohnen mehr Meerjungfrauen, Meermänner und Meerestiere, als man auf den ersten Blick denkt. Hier findest du sie alle — die drei Schwestern, ihre Familie im Perlenpalast, ihre besten Freundinnen, die Haustiere, den Bösewicht aus dem Schattengraben und all die kleinen Bewohner, denen man am Riffmarkt begegnet.

Zwei Dinge haben sie alle gemeinsam. Jede Figur trägt genau eine Muschel an ihrem Halsband, und man erkennt an ihrer Farbe sofort, wer sie ist. Und jede Zauberkraft hat eine Grenze — Laila muss sich nach einem grossen Zauber ausruhen, Lisa muss zwischen zwei Blitzen bis drei zählen, und die Bläschenkraft der Babys funktioniert nur, wenn jemand sie kitzelt.

Ohne diese Grenzen wäre jedes Abenteuer nach zwei Seiten vorbei.
Torv merkte es als Erster, weil Torv Dinge merkte, für die andere keine Zeit hatten.

Er stand auf seinem Posten über der Strömungsstrasse, die Muschelpfeife im Mund, und regelte den Abendverkehr. Ein langer Ton für die schnelle Spur. Zwei kurze für die langsame.

Dann hörte er auf zu pfeifen.

„Das ist zu früh", sagte er zu niemandem.

Über ihm wurde das Wasser dunkel. Nicht so, wie es abends dunkel wird — von oben nach unten, langsam, mit dieser Stunde dazwischen, in der alles golden ist. Es wurde dunkel wie ein Vorhang, den jemand zuzieht.

In elf Minuten war es Nacht.

In der Perlenstadt gingen tausend Lichter an, weil alle dachten, sie hätten die Zeit verpasst. Frau Perlmutt packte ihren Stand ein. Herr Krabb schickte seine Schüler nach Hause. Bo und Bibi bliesen sich vor Schreck auf und trieben nach oben, wo sie feststellten, dass da auch nichts mehr war.

Im Perlenpalast stand König Larimar am Fenster und sagte drei Wörter, die er seit achtundsechzig Jahren nicht mehr gesagt hatte:

„Er ist hier."

• • •
Um Mitternacht war klar, dass die Sonne nicht wiederkam.

Nicht in einer Stunde, nicht in zwei. Über dem Laslantischen Ozean lag etwas, das kein Licht durchliess, und darunter wurde es kälter, als es je gewesen war.

Und dann fing das Schlimmste an.

Es waren nicht Angriffe. Es war das Vergessen.

Eine Meerjungfrau aus der Perlenstadt klopfte an ihre eigene Tür, weil sie nicht mehr wusste, dass sie dort wohnte. Zwei Nachbarn stritten sich darüber, wem ein Muschelhaus gehörte, das keinem von beiden gehörte. Ein Vater rief nach seinem Sohn und benutzte dabei den falschen Namen, und der Sohn kam trotzdem, weil er seinen eigenen auch nicht mehr wusste.

„Das Schattenwasser ist überall", sagte Laura. Sie stand mit den anderen in der grossen Halle, in der die Bläschen vom Ball noch an der Decke hingen. „Nicht als Streifen. Als Nebel."

„Wieviel Boden hast du?", fragte Laila.

Laura kniete sich hin und legte die Hand auf den Marmor.

„Genug", sagte sie. „Aber nur hier drin."

Laila drehte sich zu Lisa um.

Lisa hob zwei Finger, und der Blitz erhellte für einen Sekundenbruchteil die gesamte Halle bis in den letzten Winkel. Zweihundert Gesichter schauten in dieses Licht, und in jedem einzelnen stand dieselbe Frage.

„Eins", sagte Lisa. „Zwei. Drei."

„Wie oft schaffst du das?", fragte Loran.

„Die ganze Nacht", sagte Lisa. „Wenn ich muss."

„Du musst."

• • •
Sie machten einen Plan, und der Plan war eigentlich nur eine einzige Regel.

„Niemand geht allein", sagte Laila von der Treppe aus, damit alle sie hörten. „Und jeder sagt jedem alle paar Minuten seinen Namen. Laut."

„Das ist albern", rief jemand aus der Menge.

„Dann ist es eben albern." Laila schaute in die Richtung. „Wie heissen Sie?"

Stille.

Sehr lange Stille.

„Sehen Sie", sagte Laila leise. „Deshalb."

Sie teilten sich auf. Lisa blieb in der Halle und blitzte im Takt, alle drei Sekunden, damit niemand in völliger Dunkelheit sass. Laura liess an den Türen Seetanggitter wachsen, nicht um jemanden einzusperren, sondern damit niemand hinausschwamm, ohne es zu merken. Loran ging mit dem Dreizack durch die Gänge und rief seinen Namen und den seiner Schwestern.

Oben in der Kinderkammer sass Lula bei den Zwillingen. Lulu und Lailu schliefen. Über der Wiege schwebten Lili und Lola, die beiden Quallen-Schwestern, und leuchteten rosa und türkis wie zwei kleine Laternen — das einzige Licht in diesem Raum, das nicht von Menschen kam.

„Bleibt ihr?", fragte Lula.

Quallen antworten nicht. Sie blieben.

• • •
Gegen drei Uhr morgens hielt Laila es nicht mehr aus.

Sie schwamm hinaus. Sie sagte es niemandem, was der dümmste Fehler war, den sie in dieser Nacht machen konnte, und sie wusste es genau, während sie ihn machte.

Draussen war die Perlenstadt ein schwarzer Umriss. Die Lichter in den Fenstern waren erloschen, eins nach dem anderen, nicht weil jemand sie ausgemacht hatte, sondern weil niemand mehr wusste, wozu Licht gut ist.

Sie schwamm bis zum Muschelhaus.

Die Anemonen auf dem Dach waren zu.

Und vor der Tür, im hellen Sand, sass jemand.

Er sass ganz ruhig. Seine Flosse war schwarz und lag flach im Sand wie ein Schatten, der vergessen hatte, zu wem er gehört. Aus der Dunkelheit unter ihm wuchsen Tentakel, die sich langsam bewegten, als würden sie atmen.

Er zog mit einem Finger Kreise in den Sand.

Laila blieb stehen.

„Du bist Dolen", sagte sie.

Der Kopf hob sich. Zwei rote Augen. Und dann etwas, womit sie nicht gerechnet hatte: Er sah nicht wütend aus. Er sah nicht einmal besonders böse aus.

Er sah müde aus.

• • •
Sie sprachen nicht lange. Später konnte Laila jedes Wort wiederholen, weil es so wenige waren.

„Du hast meine Schwestern erschreckt", sagte sie.

Dolen antwortete nicht. Er konnte nicht antworten. Er hatte keine Stimme mehr — das hatte Opa Lambi erzählt, aber es zu wissen und es zu sehen sind zwei verschiedene Dinge. Er machte den Mund auf, und es kam ein Geräusch heraus, das wie Kratzen klang und gleichzeitig irgendwie wie der Anfang eines Tons.

Dann hob er die Hand und zeigte auf ihre Muschel.

„Nein", sagte Laila.

Er zeigte wieder.

„Ich sagte nein." Ihre Stimme zitterte, aber sie blieb, wo sie war. „Und du kannst sie mir auch nicht wegnehmen. Du kannst gar nichts nehmen. Das ist doch dein ganzes Problem."

Dolen erstarrte.

Es war, als hätte sie ihn geschlagen. Die Tentakel unter ihm hielten mitten in der Bewegung an.

Und Laila, die ihr Leben lang zu schnell entschied und der das schon oft leidgetan hatte, sagte den Satz, der alles änderte — und sie sagte ihn nicht, um zu gewinnen. Sie sagte ihn, weil er ihr im Kopf herumgegangen war, seit Opa Lambi auf der Singenden Sandbank gesessen hatte.

„Opa Lambi sagt, du hast schöner gesungen als alle."

Dolen sah sie an.

Sehr lange.

Und dann verschwand er. Nicht mit einem Knall, nicht in einer Wolke. Er sank einfach nach unten in die Dunkelheit, wie jemand, der aufsteht und geht.

Über dem Laslantischen Ozean wurde der Vorhang dünner. Erst grau, dann blau. Und dann kam die Sonne, sechs Stunden zu spät, und die Perlenstadt sah aus, als hätte jemand alles um einen halben Meter verrückt.

Sie brauchten drei Tage, um alle Namen zurückzubringen. Nicht mit Magie — mit Nachbarn, die einander erzählten, wer sie waren.

Am dritten Tag kam Laila zurück zum Muschelhaus.

Der Kreis im Sand war noch da. Die Strömung hatte ihn fast weggewischt, aber man sah ihn noch.

Und in der Mitte lag die kleine graue Muschel.

Laila hob sie auf. Sie war kalt, so wie beim ersten Mal.

Aber diesmal drehte Laila sie im Licht, und dabei sah sie etwas, das ihr im Muschelhaus vor Wochen entgangen war.

Ganz innen, wo bei einer Zaubermuschel die Farbe sitzt, war ein winziger Punkt.

Er war nicht grau.