Abends wird es im Laslantischen Ozean langsam dunkel. Zuerst verschwinden die Farben ganz oben, dann werden die Schatten zwischen den Korallen länger, und zuletzt geht in der Perlenstadt ein Fenster nach dem anderen an. Das dauert eine gute Stunde, und es dauert schon immer eine gute Stunde.
An diesem Abend dauerte es elf Minuten.
Torv merkte es als Erster, weil Torv Dinge merkte, für die andere keine Zeit hatten.
Er stand auf seinem Posten über der Strömungsstrasse, die Muschelpfeife im Mund, und regelte den Abendverkehr. Ein langer Ton für die schnelle Spur. Zwei kurze für die langsame. Seit vierzehn Jahren dieselben Töne.
Dann hörte er auf zu pfeifen.
„Das ist zu früh", sagte er zu niemandem.
Über ihm wurde das Wasser dunkel. Nicht so, wie es abends dunkel wird — von oben nach unten, langsam, mit dieser einen Stunde dazwischen, in der alles golden ist. Es wurde dunkel wie ein Vorhang, den jemand zuzieht.
In elf Minuten war es Nacht.
Torv pfiff dreimal kurz hintereinander. Das war das Zeichen für „Strasse gesperrt". Er hatte es in vierzehn Jahren zweimal benutzt.
In der Perlenstadt gingen tausend Lichter an, weil alle dachten, sie hätten die Zeit verpasst.
Frau Perlmutt packte ihren Stand ein und schimpfte dabei, dass man heutzutage nicht mal mehr auf die Sonne zählen könne. Herr Krabb schickte seine Schüler nach Hause und zählte sie zweimal durch. Bo und Bibi bliesen sich vor Schreck auf und trieben nach oben, wo sie feststellten, dass da auch nichts mehr war.
Krix suchte sein Haus.
Im Perlenpalast stand König Larimar am Fenster und sagte drei Wörter, die er seit achtundsechzig Jahren nicht mehr gesagt hatte:
„Er ist hier."
Königin Lorelei trat neben ihn.
„Ruf sie zusammen", sagte sie. „Alle. Auch die aus den Randmuscheln."
„Der Palast fasst keine zweihundert."
„Dann fasst er heute zweihundert."
Um Mitternacht war klar, dass die Sonne nicht wiederkam.
Nicht in einer Stunde, nicht in zwei. Über dem Laslantischen Ozean lag etwas, das kein Licht durchliess, und darunter wurde es kälter, als es je gewesen war.
Und dann fing das Schlimmste an.
Es waren nicht Angriffe. Es war das Vergessen.
Eine Meerjungfrau aus der Perlenstadt klopfte an ihre eigene Tür, weil sie nicht mehr wusste, dass sie dort wohnte. Zwei Nachbarn stritten sich darüber, wem ein Muschelhaus gehörte, das keinem von beiden gehörte. Ein Vater rief nach seinem Sohn und benutzte dabei den falschen Namen, und der Sohn kam trotzdem, weil er seinen eigenen auch nicht mehr wusste.
In der grossen Halle des Perlenpalasts, in der die Bläschen vom Ball noch an der Decke hingen, standen zweihundert Leute und schauten sich gegenseitig an.
„Das Schattenwasser ist überall", sagte Laura. „Nicht als Streifen. Als Nebel."
„Wieviel Boden hast du?", fragte Laila.
Laura kniete sich hin und legte die Hand auf den Marmor.
„Genug", sagte sie. „Aber nur hier drin."
Laila drehte sich zu Lisa um.
Lisa hob zwei Finger, und der Blitz erhellte für einen Sekundenbruchteil die gesamte Halle bis in den letzten Winkel. Zweihundert Gesichter schauten in dieses Licht, und in jedem einzelnen stand dieselbe Frage.
„Eins", sagte Lisa. „Zwei. Drei."
„Wie oft schaffst du das?", fragte Loran.
„Die ganze Nacht", sagte Lisa. „Wenn ich muss."
„Du musst."
Sie machten einen Plan, und der Plan war eigentlich nur eine einzige Regel.
„Niemand geht allein", sagte Laila von der Treppe aus, damit alle sie hörten. „Und jeder sagt jedem alle paar Minuten seinen Namen. Laut."
„Das ist albern", rief jemand aus der Menge.
„Dann ist es eben albern." Laila schaute in die Richtung. „Wie heissen Sie?"
Stille.
Sehr lange Stille.
„Sehen Sie", sagte Laila leise. „Deshalb."
Danach sagte niemand mehr, dass es albern sei.
Sie teilten sich auf. Lisa blieb in der Halle und blitzte im Takt, alle drei Sekunden, damit niemand in völliger Dunkelheit sass. Laura liess an den Türen Seetanggitter wachsen — nicht um jemanden einzusperren, sondern damit niemand hinausschwamm, ohne es zu merken. Loran ging mit dem Dreizack durch die Gänge und rief seinen Namen und den seiner Schwestern, immer wieder, bis er heiser war.
Herr Krabb stellte sich neben die Treppe und fragte jeden, der vorbeikam, nach seinem Namen. Wer ihn nicht wusste, bekam ihn gesagt. Wer ihn wusste, musste ihn zweimal wiederholen.
„Sie sind Lehrer", sagte Frau Perlmutt anerkennend.
„Ich bin Lehrer", bestätigte Herr Krabb.
„Ich heisse übrigens Perlmutt."
„Ich weiss."
Oben in der Kinderkammer sass Lula bei den Zwillingen.
Lulu und Lailu schliefen. Über der Wiege schwebten Lili und Lola, die beiden Quallen-Schwestern, und leuchteten rosa und türkis wie zwei kleine Laternen — das einzige Licht in diesem Raum, das nicht von Menschen kam.
„Bleibt ihr?", fragte Lula.
Quallen antworten nicht. Sie blieben.
Lula legte die Hand auf den Rand der Wiege und zählte die Atemzüge der Babys. Es war das Einzige, was sie tun konnte, und es half.
Gegen zwei Uhr kam Diana herein, setzte sich auf die Schwelle und schaute in den Gang hinaus. Sie schnurrte nicht.
Gegen drei Uhr morgens hielt Laila es nicht mehr aus.
Sie schwamm hinaus. Sie sagte es niemandem, was der dümmste Fehler war, den sie in dieser Nacht machen konnte, und sie wusste es genau, während sie ihn machte.
Draussen war die Perlenstadt ein schwarzer Umriss. Die Lichter in den Fenstern waren erloschen, eins nach dem anderen, nicht weil jemand sie ausgemacht hatte, sondern weil niemand mehr wusste, wozu Licht gut ist.
Sie schwamm bis zum Muschelhaus.
Die Anemonen auf dem Dach waren zu.
Und vor der Tür, im hellen Sand, sass jemand.
Er sass ganz ruhig. Seine Flosse war schwarz und lag flach im Sand wie ein Schatten, der vergessen hatte, zu wem er gehört. Aus der Dunkelheit unter ihm wuchsen Tentakel, die sich langsam bewegten, als würden sie atmen.
Er zog mit einem Finger Kreise in den Sand.
Laila blieb stehen.
Sie hatte sich das oft vorgestellt. In ihren Vorstellungen war er immer riesig gewesen, und sie hatte immer etwas Kluges gesagt.
Jetzt sagte sie: „Du bist Dolen."
Der Kopf hob sich. Zwei rote Augen. Und dann etwas, womit sie nicht gerechnet hatte: Er sah nicht wütend aus. Er sah nicht einmal besonders böse aus.
Er sah müde aus.
Sie sprachen nicht lange. Später konnte Laila jedes Wort wiederholen, weil es so wenige waren.
„Du hast meine Schwestern erschreckt", sagte sie.
Dolen antwortete nicht.
Er konnte nicht antworten. Er hatte keine Stimme mehr — das hatte Opa Lambi erzählt, aber es zu wissen und es zu sehen sind zwei verschiedene Dinge. Er machte den Mund auf, und es kam ein Geräusch heraus, das wie Kratzen klang und gleichzeitig irgendwie wie der Anfang eines Tons.
Dann hob er die Hand und zeigte auf ihre Muschel.
„Nein", sagte Laila.
Er zeigte wieder.
„Ich sagte nein." Ihre Stimme zitterte, aber sie blieb, wo sie war. „Und du kannst sie mir auch nicht wegnehmen. Du kannst gar nichts nehmen. Das ist doch dein ganzes Problem."
Dolen erstarrte.
Es war, als hätte sie ihn geschlagen. Die Tentakel unter ihm hielten mitten in der Bewegung an.
Und Laila, die ihr Leben lang zu schnell entschied und der das schon oft leidgetan hatte, sagte den Satz, der alles änderte — und sie sagte ihn nicht, um zu gewinnen. Sie sagte ihn, weil er ihr im Kopf herumgegangen war, seit Opa Lambi auf der Singenden Sandbank gesessen hatte.
„Opa Lambi sagt, du hast schöner gesungen als alle."
Dolen sah sie an.
Sehr lange.
Etwas in seinem Gesicht bewegte sich, und Laila konnte nicht sagen, was es war.
Und dann verschwand er. Nicht mit einem Knall, nicht in einer Wolke. Er sank einfach nach unten in die Dunkelheit, wie jemand, der aufsteht und geht.
Über dem Laslantischen Ozean wurde der Vorhang dünner. Erst grau, dann blau.
Und dann kam die Sonne, sechs Stunden zu spät, und die Perlenstadt sah aus, als hätte jemand alles um einen halben Meter verrückt.
Laila kam zurück, als es schon hell war. Luna wartete in der Halle.
„Wo warst du?"
„Draussen."
„Allein."
„Ja."
Luna sagte nichts. Sie sagte so lange nichts, dass Laila es kaum aushielt.
„Sag es einfach", sagte Laila.
„Was soll ich sagen? Du weisst es doch selbst."
Und damit war es schlimmer, als wenn sie geschimpft hätte.
Sie brauchten drei Tage, um alle Namen zurückzubringen.
Nicht mit Magie — mit Nachbarn, die einander erzählten, wer sie waren. Herr Krabb machte daraus eine Schulaufgabe: Jeder Schüler musste zehn Leute in seiner Gasse besuchen und ihnen ihre Namen sagen. Sina besuchte vierzig.
Am dritten Tag kam Laila zurück zum Muschelhaus.
Der Kreis im Sand war noch da. Die Strömung hatte ihn fast weggewischt, aber man sah ihn noch.
Und in der Mitte lag die kleine graue Muschel.
Laila hob sie auf. Sie war kalt, so wie beim ersten Mal.
Aber diesmal drehte sie sie im Licht, und dabei sah sie etwas, das ihr im Muschelhaus vor Wochen entgangen war.
Ganz innen, wo bei einer Zaubermuschel die Farbe sitzt, war ein winziger Punkt.
Er war nicht grau.
Ende von Folge 8