In der alten Küche des Muschelhauses stand noch derselbe Tisch wie früher. Er war zu gross für den Raum, er hatte einen Riss in der Mitte, und niemand hatte ihn mitgenommen, als die Familie in den Palast zog. Genau deshalb trafen sie sich hier, wenn etwas Wichtiges besprochen werden musste.
An diesem Abend legte Laila die graue Muschel mitten auf diesen Tisch.
Um den Tisch sassen alle: Luna, Lula, Loran, Lisa, Laura. Und Sina, die zwölf war und nicht ganz verstand, warum sie dabei sein durfte, aber niemand hatte sie weggeschickt. Sie sass ganz am Rand und sagte eine halbe Stunde lang kein Wort.
„Ich glaube, es war immer dieselbe", sagte Laila.
„Das kann nicht sein", sagte Lula. „Wir haben sie doch bei Oma Lilo gelassen."
„Ich weiss." Laila zählte an den Fingern ab. „Erstens: in deiner alten Kammer, mitten in einem Kreis."
„Zweitens", sagte Luna. „Am Rand des Seegraswaldes."
„Drittens: in der Perlenkammer, auf dem Boden, obwohl Oma sie ins Regal gelegt hatte."
„Viertens", sagte Laura leise. „Am grauen Riff. Ich habe sie gesehen, als wir gegangen sind. Ich dachte, es sei ein Stein."
„Warum hast du nichts gesagt?"
„Weil es ein Stein war." Laura zuckte mit den Schultern. „Dachte ich."
„Fünftens", sagte Lisa. „Vor der Kinderkammer. Neben Lailus Schnuller. Diana hat die ganze Nacht davorgelegen."
Alle schauten sich an.
Sina hob langsam die Hand. Dann merkte sie, dass hier niemand die Hand hob, und liess sie wieder sinken.
„Sechstens", sagte sie trotzdem. „Auf der Singenden Sandbank. Da lag sie auch. Ich war am Tag danach dort, ich wollte nur mal schauen, wo Ihr Grossvater gesessen hat, und da lag ein Muschelbonbon-Papier und daneben —"
Sie brach ab.
„Sie bewegt sich", sagte Loran.
„Ja."
„Muscheln bewegen sich nicht."
„Nein", sagte Laila. „Normalerweise nicht."
Luna nahm die Muschel in beide Hände und schloss die Augen.
Der Finde-Zauber war eigentlich einfach. Man fragte nach etwas, und die eigene Muschel zeigte, wo es war. Luna benutzte ihn seit sie sechs war, um Lula zu finden, wenn Lula sich versteckt hatte, was Lula ständig tat.
Diesmal fragte sie andersherum.
Sie fragte nicht wo ist sie. Sie fragte wen sucht sie.
Ihre rote Muschel wurde so heiss, dass sie fast losliess.
„Autsch", sagte sie und liess trotzdem nicht los.
„Luna—"
„Warte."
Sie hielt noch drei Sekunden durch. Dann legte sie die graue Muschel auf den Tisch zurück und schüttelte die Hand aus.
„Oh", sagte sie.
„Was?"
„Sie sucht nicht uns." Luna machte die Augen auf. „Wir haben die ganze Zeit gedacht, er schickt sie, um unsere Muscheln auszuprobieren. Das stimmt nicht. Er schickt sie gar nicht."
Sie schaute in die Runde.
„Sie sucht ihn."
Sie gingen zu siebt in die Perlenkammer, und diesmal ging Laila voran und blieb nicht an der Tür stehen.
Hauptmann Tinto liess sie durch. Er sagte nichts dazu, dass es sieben waren und nicht zwei, und dass eine davon zwölf war und aussah, als würde sie gleich umkippen.
Oma Lilo sass wie immer mit dem Rücken zur grossen Perle.
Laila legte die graue Muschel vor sie hin.
„Du weisst, wem sie gehört", sagte sie. „Du hast es beim ersten Mal gewusst. Ich habe es in deinem Gesicht gesehen."
Die alte Meerjungfrau schaute die Muschel an.
Dann nahm sie sie hoch, ganz vorsichtig, so wie man ein Tier hochnimmt, von dem man nicht weiss, ob es einen noch kennt.
„Ich war neunzehn", sagte sie. „So alt wie Lisa."
Sie drehte die Muschel im Licht.
„Jedes Meerjungfrauenkind bekommt eine Muschel, wenn seine Magie aufwacht. Ich habe sie ausgegeben, damals schon, weil meine Mutter krank war. Das war meine Aufgabe: Ich habe an einem Tisch gesessen und den Kindern ihre Muscheln gegeben."
Sie legte sie auf ihre Handfläche.
„Und eines Tages kam ein Junge zu mir, achtzehn Jahre alt, mit grauer Flosse, und ich habe ihm seine gegeben."
„Und sie hat keine Farbe bekommen", sagte Lula.
„Sie hat gewartet." Oma Lilo schüttelte den Kopf. „Verstehst du den Unterschied? Sie war nicht kaputt. Sie hat gewartet, dass ihm jemand eine Farbe schenkt, so wie es sein soll. Und dann hat sie weiter gewartet. Und weiter. Achtzehn Jahre lang."
„Und du hast ihm gesagt, er soll Geduld haben", sagte Laila.
„Ja."
„Opa Lambi sagt, das war das Schlimmste, was man ihm sagen konnte."
„Dein Grossvater hat recht." Oma Lilo sagte es ohne jede Abwehr. „Ich habe die Wahrheit gesagt und dabei nicht nachgedacht. Das ist etwas, das man mit neunzehn tut. Und mit vierundneunzig manchmal auch noch."
„Was ist in der Nacht passiert?", fragte Loran.
„Er kam hier herein." Oma Lilo zeigte auf die Tür. „Genau da. Und bevor er nach der Perle griff, hat er etwas gemacht, das ich nie vergessen habe."
Sie hielt die graue Muschel hoch.
„Er hat sie ausgezogen und auf den Boden gelegt."
„Warum?", flüsterte Sina.
„Weil er sie nicht dabei haben wollte." Ihre Stimme wurde ganz leise. „Er hat sich für sie geschämt."
Niemand sagte etwas.
„Danach ist er verbrannt und geflohen. Und die Muschel lag hier auf dem Boden." Oma Lilo schaute auf. „Ich habe sie aufgehoben. Ich habe sie in ein Fach gelegt. Und ich habe achtundsechzig Jahre lang gewartet, dass er sie holen kommt."
„Er holt sie nicht", sagte Laila.
„Nein. Er glaubt, sie gehört ihm nicht mehr." Oma Lilo faltete die Hände. „Also geht sie ihn suchen. Seit achtundsechzig Jahren. Und sie findet ihn nicht, weil sie im Dunkeln nichts sieht — sie geht dorthin, wo Farbe ist, denn dort hat er zuletzt gestanden."
Lula legte die Hand vor den Mund.
„Sie sucht ihn an den falschen Orten."
„Sie sucht ihn an den einzigen Orten, die sie kennt."
Laila nahm die Muschel und hielt sie ins Licht der grossen Perle.
„Da", sagte sie. „Seht ihr das?"
Ganz innen, wo bei einer Zaubermuschel die Farbe sitzt, war ein Punkt, kleiner als ein Sandkorn.
Er war warm rot.
Oma Lilo beugte sich vor, und zum ersten Mal an diesem Abend war sie überrascht.
„Der war vorher nicht da", sagte sie.
„Wie ist der da hingekommen?", flüsterte Lula.
Es wurde still. Alle dachten nach. Niemandem fiel etwas ein.
Und dann sagte Sina, die die ganze Zeit hinten gestanden hatte:
„Das Muschelbonbon."
Alle drehten sich um.
„Auf der Sandbank", sagte Sina hastig, und ihre Sätze rutschten wieder ineinander. „Ihr Grossvater hat ein Muschelbonbon hingelegt und ist weggegangen. Am nächsten Morgen war es weg und da war ein Kreis. Und da lag die Muschel." Sie wurde rot. „Er hat es doch hingelegt, damit es jemand nimmt. Also war es ein Geschenk. Oder nicht?"
Es war so still in der Perlenkammer, dass man die grosse Perle summen hörte.
Oma Lilo stand auf.
Zum ersten Mal seit langer Zeit stand die winzige alte Meerjungfrau ganz aufrecht.
„Ein Muschelbonbon", sagte sie. „Achtundsechzig Jahre, und niemand ist auf ein Muschelbonbon gekommen."
Sie schaute Sina an, und Sina wünschte sich, im Boden zu versinken.
„Wie heisst du, Kind?"
„Sina."
„Sina." Oma Lilo nickte langsam. „Merk dir den Tag."
Sie sassen die halbe Nacht zusammen, und am Ende sagte Laila den Satz, den keiner hören wollte.
„Wir schenken ihm etwas."
„Nein", sagte Loran sofort.
„Loran —"
„Nein." Er stand auf. „Er hat das halbe Riff grau gemacht. Er hat den Wald grau gemacht. Er hat eine ganze Stadt ihre Namen vergessen lassen. Eine Nacht lang wusste ein Vater nicht, wie sein Sohn heisst."
„Ich weiss."
„Und du willst ihm ein Geschenk bringen?"
„Ja."
„Warum?"
„Weil es das Einzige ist, was noch nie jemand versucht hat", sagte Laila. „Achtundsechzig Jahre lang haben alle dasselbe gemacht: ihn trösten, ihn wegsperren, ihn bekämpfen, ihn aus den Büchern streichen. Und nichts davon hat funktioniert."
„Und wenn er es zerstört?"
„Dann hat er es zerstört." Laila schaute ihren Zwillingsbruder an. „Aber er kann es nicht nehmen, Loran. Das ist seine Regel, nicht unsere. Er kann nichts nehmen, was verschenkt wird. Und weil er es nie nehmen konnte, hat auch nie jemand geprüft, ob er es vielleicht annehmen kann."
Es war eine feine Unterscheidung.
Es war vielleicht die feinste Unterscheidung des ganzen Ozeans.
Loran setzte sich wieder hin. Das war keine Zustimmung, aber es war auch kein Nein mehr.
Lisa meldete sich als Erste.
„Ich komme mit. Im Schattengraben ist es dunkel, und ich bin das Licht."
„Ich brauche Boden", sagte Laura, „aber ich komme trotzdem mit. Irgendwo muss auch da unten Boden sein."
Luna sagte gar nichts, was bei Luna hiess: selbstverständlich.
Lula schluckte. „Ich auch."
Sina machte den Mund auf.
„Nein", sagten fünf Stimmen gleichzeitig.
„Ich wollte auch gar nicht", sagte Sina würdevoll und schaute weg.
Alle schauten Loran an.
Er stand lange da. Dann nahm er den Dreizack von der Schulter und legte ihn auf den Tisch.
„Wenn wir jemandem etwas schenken", sagte er mürrisch, „dann kann ich das Ding wohl schlecht mitnehmen."
Am nächsten Morgen packten sie.
Sie nahmen die graue Muschel mit, weil sie ihm gehörte und weil man jemandem sein eigenes Ding nicht schenken kann — aber man kann es zurückbringen.
Sie nahmen einen Muschelbonbon-Beutel mit, den Opa Lambi ihnen wortlos in die Hand gedrückt hatte. Er sagte den ganzen Morgen kein Wort und stand am Fenster, als sie losschwammen.
Und ganz zuletzt kam Königin Lorelei mit den Zwillingen im Arm die Treppe herunter.
„Ihr nehmt sie mit", sagte sie.
„Mama, das ist der Schattengraben —"
„Ich weiss, wo ihr hingeht." Die Königin gab Laila und Lula je ein Baby. „Und ich weiss, was das Einzige ist, an dem sein Schattenwasser abperlt."
Sie richtete Lulus Halsband.
„Bringt sie mir zurück. Alle."
Ende von Folge 9