DIE GRAUE MUSCHEL

Staffel 1 · Folge 9
Die Figuren
Im Laslantischen Ozean wohnen mehr Meerjungfrauen, Meermänner und Meerestiere, als man auf den ersten Blick denkt. Hier findest du sie alle — die drei Schwestern, ihre Familie im Perlenpalast, ihre besten Freundinnen, die Haustiere, den Bösewicht aus dem Schattengraben und all die kleinen Bewohner, denen man am Riffmarkt begegnet.

Zwei Dinge haben sie alle gemeinsam. Jede Figur trägt genau eine Muschel an ihrem Halsband, und man erkennt an ihrer Farbe sofort, wer sie ist. Und jede Zauberkraft hat eine Grenze — Laila muss sich nach einem grossen Zauber ausruhen, Lisa muss zwischen zwei Blitzen bis drei zählen, und die Bläschenkraft der Babys funktioniert nur, wenn jemand sie kitzelt.

Ohne diese Grenzen wäre jedes Abenteuer nach zwei Seiten vorbei.
Laila legte die graue Muschel mitten auf den Tisch in der alten Küche des Muschelhauses.

Um den Tisch sassen alle: Luna, Lula, Loran, Lisa, Laura. Und Sina, die zwölf war und nicht ganz verstand, warum sie dabei sein durfte, aber niemand hatte sie weggeschickt.

„Ich glaube, es war immer dieselbe", sagte Laila.

„Das kann nicht sein", sagte Lula. „Wir haben sie doch bei Oma Lilo gelassen."

„Ich weiss." Laila zählte an den Fingern ab. „Erstens: in deiner alten Kammer, mitten in einem Kreis. Zweitens: am Rand des Seegraswaldes. Drittens: in der Perlenkammer, auf dem Boden, obwohl Oma sie ins Regal gelegt hatte."

„Viertens", sagte Laura leise. „Am grauen Riff. Ich habe sie gesehen, als wir gegangen sind. Ich dachte, es sei ein Stein."

„Fünftens", sagte Luna. „Vor der Kinderkammer. Neben dem Schnuller."

Sina hob langsam die Hand.

„Sechstens", sagte sie. „Auf der Singenden Sandbank. Da lag sie auch. Ich war am Tag danach dort, ich wollte nur mal schauen, wo Ihr Grossvater gesessen hat, und da lag ein Muschelbonbon und daneben —"

Sie brach ab.

„Sie bewegt sich", sagte Loran.

„Ja."

„Muscheln bewegen sich nicht."

„Nein", sagte Laila. „Normalerweise nicht."

• • •
Luna nahm die Muschel in beide Hände und schloss die Augen.

Der Finde-Zauber war eigentlich einfach. Man fragte nach etwas, und die eigene Muschel zeigte, wo es war. Luna benutzte ihn seit sie sechs war, um Lula zu finden, wenn Lula sich versteckt hatte, was Lula ständig tat.

Diesmal fragte sie andersherum.

Sie fragte nicht wo ist sie. Sie fragte wen sucht sie.

Ihre rote Muschel wurde so heiss, dass sie fast losliess.

„Oh", sagte Luna.

„Was?"

„Sie sucht nicht uns." Luna machte die Augen auf. „Wir haben die ganze Zeit gedacht, er schickt sie, um unsere Muscheln auszuprobieren. Das stimmt nicht. Er schickt sie gar nicht."

Sie legte die Muschel zurück auf den Tisch.

„Sie sucht ihn."

• • •
Sie gingen zu sechst in die Perlenkammer, und diesmal ging Laila voran und blieb nicht an der Tür stehen.

Oma Lilo sass wie immer mit dem Rücken zur grossen Perle.

Laila legte die graue Muschel vor sie hin.

„Du weisst, wem sie gehört", sagte sie. „Du hast es beim ersten Mal gewusst. Ich habe es in deinem Gesicht gesehen."

Die alte Meerjungfrau schaute die Muschel an. Dann nahm sie sie hoch, ganz vorsichtig, so wie man ein Tier hochnimmt, von dem man nicht weiss, ob es einen kennt.

„Ich war neunzehn", sagte sie. „So alt wie Lisa."

Sie drehte die Muschel im Licht.

„Jedes Meerjungfrauenkind bekommt eine Muschel, wenn seine Magie aufwacht. Ich habe sie ausgegeben, damals schon, weil meine Mutter krank war. Und eines Tages kam ein Junge zu mir, achtzehn Jahre alt, mit grauer Flosse, und ich habe ihm seine gegeben."

„Und sie hat keine Farbe bekommen", sagte Lula.

„Sie hat gewartet." Oma Lilo schüttelte den Kopf. „Verstehst du den Unterschied? Sie war nicht kaputt. Sie hat gewartet, dass ihm jemand eine Farbe schenkt, so wie es sein soll. Und dann hat sie weiter gewartet. Und weiter. Achtzehn Jahre lang."

Sie legte die Muschel hin.

„Und als er in dieser Nacht hier hereinkam und nach der grossen Perle griff, hat er sie ausgezogen und auf den Boden gelegt. Weil er sie nicht dabei haben wollte." Ihre Stimme wurde ganz leise. „Er hat sich für sie geschämt."

„Und danach?", fragte Loran.

„Danach ist er verbrannt und geflohen. Und die Muschel lag hier auf dem Boden." Oma Lilo schaute auf. „Ich habe sie aufgehoben. Ich habe sie in ein Fach gelegt. Und ich habe achtundsechzig Jahre lang gewartet, dass er sie holen kommt."

Sie sah die sechs jungen Gesichter an.

„Er holt sie nicht. Er glaubt, sie gehört ihm nicht mehr." Oma Lilo faltete die Hände. „Also geht sie ihn suchen. Seit achtundsechzig Jahren. Und sie findet ihn nicht, weil sie im Dunkeln nichts sieht — sie geht dorthin, wo Farbe ist, denn dort hat er zuletzt gestanden."

• • •
Laila nahm die Muschel und hielt sie ins Licht der grossen Perle.

„Da", sagte sie. „Seht ihr das?"

Ganz innen, wo bei einer Zaubermuschel die Farbe sitzt, war ein Punkt, kleiner als ein Sandkorn.

Er war warm rot.

„Wie ist der da hingekommen?", flüsterte Lula.

Und Sina, die die ganze Zeit hinten gestanden hatte, sagte:

„Das Muschelbonbon."

Alle drehten sich um.

„Auf der Sandbank", sagte Sina hastig. „Ihr Grossvater hat ein Muschelbonbon hingelegt und ist weggegangen. Am nächsten Morgen war es weg und da war ein Kreis. Und da lag die Muschel." Sie wurde rot. „Er hat es doch hingelegt, damit es jemand nimmt. Also war es ein Geschenk. Oder nicht?"

Es war so still in der Perlenkammer, dass man die grosse Perle summen hörte.

Oma Lilo stand auf. Zum ersten Mal seit langer Zeit stand die winzige alte Meerjungfrau ganz aufrecht.

„Ein Muschelbonbon", sagte sie. „Achtundsechzig Jahre, und niemand ist auf ein Muschelbonbon gekommen."

• • •
Sie sassen die halbe Nacht zusammen, und am Ende sagte Laila den Satz, den keiner hören wollte.

„Wir schenken ihm etwas."

„Nein", sagte Loran sofort.

„Loran —"

„Nein. Er hat das halbe Riff grau gemacht. Er hat den Wald grau gemacht. Er hat eine ganze Stadt ihre Namen vergessen lassen." Loran stand auf. „Und du willst ihm ein Geschenk bringen?"

„Ja."

„Warum?!"

„Weil es das Einzige ist, was noch nie jemand versucht hat", sagte Laila. „Achtundsechzig Jahre lang haben alle dasselbe gemacht: ihn trösten, ihn wegsperren, ihn bekämpfen. Und alles davon hat nicht funktioniert."

„Und wenn er es zerstört?"

„Dann hat er es zerstört." Laila schaute ihren Zwillingsbruder an. „Aber er kann es nicht nehmen, Loran. Das ist seine Regel, nicht unsere. Er kann nichts nehmen, was verschenkt wird. Und weil er es nie nehmen konnte, hat auch nie jemand geprüft, ob er es vielleicht annehmen kann."

Es war eine feine Unterscheidung. Es war vielleicht die feinste Unterscheidung des ganzen Ozeans.

Lisa meldete sich als Erste.

„Ich komme mit. Im Schattengraben ist es dunkel, und ich bin das Licht."

„Ich brauche Boden", sagte Laura, „aber ich komme trotzdem mit. Irgendwo muss auch da unten Boden sein."

Luna sagte gar nichts, was bei Luna hiess: selbstverständlich.

Lula schluckte. „Ich auch."

Alle schauten Loran an.

Er stand lange da. Dann nahm er den Dreizack von der Schulter und legte ihn auf den Tisch.

„Wenn wir jemandem etwas schenken", sagte er mürrisch, „dann kann ich das Ding wohl schlecht mitnehmen."

Am nächsten Morgen packten sie.

Sie nahmen die graue Muschel mit, weil sie ihm gehörte und weil man jemandem sein eigenes Ding nicht schenken kann — aber man kann es zurückbringen.

Sie nahmen einen Muschelbonbon-Beutel mit, den Opa Lambi ihnen wortlos in die Hand gedrückt hatte.

Und ganz zuletzt, kurz bevor sie losschwammen, kam Königin Lorelei mit den Zwillingen im Arm die Treppe herunter.

„Ihr nehmt sie mit", sagte sie.

„Mama, das ist der Schattengraben —"

„Ich weiss, wo ihr hingeht." Die Königin gab Laila und Lula je ein Baby. „Und ich weiss, was das Einzige ist, an dem sein Schattenwasser abperlt."