
Was Herr Krabb nicht unterrichtet
Staffel 1 · Folge 3
Herr Krabb unterrichtete seit vierzig Jahren, und in diesen vierzig Jahren hatte er drei Regeln aufgestellt.
Erstens: Wer zu spät kommt, sammelt Muscheln. Zweitens: Wer im Unterricht schläft, sammelt Muscheln. Drittens: Es gibt keine dummen Fragen.
Sina wusste das. Sina war zwölf, hatte eine hellgrüne Flosse und trug ihre hellbraunen Haare genau so wie Laila — dieselbe Seite, dieselbe Welle, obwohl es ihr niemand geglaubt hätte, dass sie eine Stunde davor gebraucht hatte.
Sie hob die Schere. Also die Hand. Herr Krabb hatte Scheren, die Schüler hatten Hände, aber alle sagten „die Schere heben", weil Herr Krabb es so sagte.
„Herr Krabb?"
„Sina."
„Sie haben gesagt, jede Meerjungfrau bekommt ihre Muschelfarbe, wenn ihre Magie aufwacht."
„Habe ich."
„Und Sie haben gesagt, die Farbe sucht sich die Muschel selber aus."
„Auch das."
Sina holte Luft.
„Warum gibt es dann niemanden ohne Farbe?"
Es war eine ganz normale Frage. Es war die Sorte Frage, für die Herr Krabb normalerweise vierzig Minuten brauchte, mit einer Zeichnung an der Schiefertafel und mindestens zwei Beispielen.
Herr Krabb legte den Zeigestock hin.
„Wir machen weiter mit Strömungen", sagte er. „Schlagt die Tafel auf, Seite zwei."
„Aber —"
„Seite zwei, Sina."
Und das war so falsch, dass sechzehn Schüler gleichzeitig aufhörten zu atmen.
Nach dem Unterricht wartete Sina zwei Stunden vor dem Perlenpalast, bevor sie sich traute, jemanden anzusprechen.
Am Ende sprach sie niemanden an. Laila fand sie.
„Du bist die aus der Nachbarmuschel", sagte Laila. „Sina, oder?"
Sina bekam kein Wort heraus. Laila von Laslantica kannte ihren Namen. Sie überlegte kurz, ob sie einfach umkippen sollte.
„Ich —", sagte sie. „Herr Krabb."
„Was ist mit ihm?"
„Er hat nicht geantwortet."
Und dann kam alles auf einmal: die Frage, das Schweigen, der Zeigestock, den er hingelegt hatte, und die Sache mit Seite zwei. Laila hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Das machte fast niemand bei Sina, weil sie beim Reden schnell wurde.
Als sie fertig war, war Lailas Gesicht ganz ruhig.
„Sag das nochmal", sagte Laila. „Die Frage. Genau so, wie du sie gestellt hast."
„Warum gibt es niemanden ohne Farbe?"
Laila sagte nichts.
„War sie doof?", fragte Sina.
„Nein", sagte Laila langsam. „Sie war gut. Sie war so gut, dass jemand nicht will, dass sie beantwortet wird."
Sie gingen am selben Abend zur Schule zurück, zu viert: Laila, Luna, Sina und Loran, der wieder mitkam und wieder nicht gefragt hatte.
Die Schule war eine flache, breite Muschel am Rand der Perlenstadt, mit sechzehn Steinplätzen und einer Schiefertafel. Herr Krabb war nicht da. Aber sein Regal war da, und in diesem Regal standen die Chroniken — dicke Bücher aus gepressten Algen, in denen alles stand, was im Laslantischen Ozean je passiert war.
„Wir suchen nach Jahren", sagte Luna.
Sie fingen von hinten an. Und sie brauchten nicht lange.
„Hier", sagte Loran. „Vor achtundsechzig Jahren."
Alle beugten sich über die Seite.
Es war keine Seite. Es war der Rest einer Seite. Jemand hatte sie herausgetrennt, sauber und gerade, und es war lange her, weil die Bruchkante schon dunkel geworden war.
Auf dem Stück, das übrig war, standen drei Wörter am Rand:
— und seine Stimme
Mehr nicht.
Sina las es dreimal. „Wessen Stimme?"
„Das wollte jemand nicht sagen", sagte Luna.
Und in dem Moment ging hinter ihnen das Licht an. Nicht viel Licht. Nur eine kleine Leuchtmuschel, die jemand in der Schere hielt.
„Ich habe sie nicht herausgerissen", sagte Herr Krabb.
Er sah alt aus in diesem Licht. Älter als sonst. Die buschigen weissen Augenbrauen warfen Schatten über seine Augen, und der rote Panzer wirkte matt.
„Setzt euch."
Sie setzten sich. Sogar Loran.
„Ich habe die Seite nicht herausgerissen", sagte Herr Krabb noch einmal. „Das war vor meiner Zeit. Aber ich weiss, was darauf stand, weil mein Vorgänger es mir erzählt hat, als ich diese Stelle übernommen habe. Und er hat es mir mit einer Bedingung erzählt."
„Welcher?", fragte Laila.
„Dass ich es nicht unterrichte."
Sina rutschte auf ihrem Steinplatz nach vorne. „Warum denn nicht?"
Herr Krabb schaute sie an, und zum ersten Mal in ihrem Leben sah Sina, dass dieser strenge alte Krebs eigentlich sehr müde war.
„Weil man Kindern beibringen soll, was gut ist", sagte er. „Und nicht, wie leicht es kaputtgeht."
Er stellte die Leuchtmuschel auf den Boden.
„Ich sage euch, was ich sagen darf. Nicht mehr." Er hob eine Schere. „Erstens: Es hat einmal jemanden gegeben, der ohne Farbe geboren wurde. Genau einen. Zweitens: Er war kein böser Meermann. Er war ein sehr freundlicher. Drittens —"
Er machte eine Pause, und die Pause war zu lang.
„Drittens: Was aus ihm geworden ist, war nicht seine Schuld allein. Wir haben ihn warten lassen. Und wir haben ihm nie gesagt, worauf."
„Wer ist ‚wir'?", fragte Loran leise.
„Alle", sagte Herr Krabb. „Der ganze Ozean."
Sie schwammen zurück, und keiner redete.
Erst kurz vor dem Palast blieb Laila stehen.
„Drei Dinge", sagte sie. „Und alle drei in einer Woche."
Sie hielt die Finger hoch.
„Lulas Muschel wird kalt, und im Muschelhaus liegt eine graue Muschel im Sand, in einem Kreis."
„Zwei", sagte Luna. „Der Seegraswald wird grau, und im Sand liegt derselbe Kreis."
„Und drittens", sagte Laila, „gibt es eine Geschichte über jemanden ohne Farbe, die seit achtundsechzig Jahren niemand erzählen darf."
Sina, die die ganze Zeit hinterhergeschwommen war, weil sie nicht wusste, ob sie eigentlich noch dazugehörte, sagte plötzlich:
„Es ist alles dasselbe."
Alle drehten sich zu ihr um.
Sie wurde rot. „Also — ich meine — er sitzt im Sand und macht Kreise. Und er nimmt Muscheln in die Hand, um zu schauen, ob sie für ihn leuchten. Und dann leuchten sie nicht, weil sie ja jemand anderem gehören. Und dann geht er weiter und probiert die nächste."
Es war so still, dass man das Rauschen der Strömungsstrasse hörte.
„Er sucht was", sagte Sina. „Oder?"
Laila schaute das Mädchen an, das ihre Frisur kopierte und sich nicht traute, jemanden anzusprechen, und die als Einzige laut gesagt hatte, was alle anderen nur gedacht hatten.
„Ja", sagte sie. „Er sucht was."
Sie brachten Sina nach Hause. Vor der Nachbarmuschel drehte Laila sich noch einmal um.
„Sina?"
„Ja?"
„Die Frisur steht dir besser als mir."
Sina bekam wieder kein Wort heraus. Aber sie strahlte den ganzen Weg bis in ihre Kammer.
Am nächsten Morgen fand Oma Lilo die Tür zur Perlenkammer offen.
Nichts fehlte. Die grosse Perle leuchtete wie immer, alle Muscheln lagen an ihrem Platz, und der Staub auf den Regalen war unberührt.
Nur eine Sache war anders.
Die kleine graue Muschel, die sie vor drei Tagen in ein Fach ganz hinten gelegt hatte, lag jetzt mitten im Raum. Auf dem Boden. Genau in der Mitte.
Und um sie herum, in feinem hellem Sand, war ein Kreis gezogen.