
Das graue Riff
Staffel 1 · Folge 5
Coralie schickte nie jemanden. Wenn sie etwas wollte, kam sie selbst, und sie brauchte dafür so lange, wie sie eben brauchte.
Deshalb wusste Laila sofort, dass es schlimm war, als Fritzi in die Halle des Perlenpalasts geschossen kam und einmal nicht redete.
„Sag es", sagte Laila.
Fritzi holte Luft.
„Das Riff", sagte er. „Coralie sagt, ihr sollt kommen. Sie sagt, ihr sollt sofort kommen. Und sie sagt —" Er schluckte. „Sie sagt, ihr sollt euch nicht erschrecken."
Sie erschraken trotzdem.
Das Regenbogenriff war der schönste Ort der Welt. Korallen in allen Farben, Millionen winziger Fische, und wenn das Sonnenlicht durchs Wasser fiel, entstand darüber ein echter Regenbogen. Laila kam hierher, wenn ihre Muschel schwächer leuchtete. Es hatte noch nie nicht funktioniert.
Heute stand über dem Riff kein Regenbogen.
Über der Hälfte des Riffs stand gar nichts mehr.
Sie schwammen die Linie entlang, und es war dieselbe gerade Linie wie im Seegraswald, nur hundertmal länger.
Auf der einen Seite: Rot, Orange, Violett, Türkis, Fische in allen Grössen.
Auf der anderen: Grau. Und keine Fische. Keine einzigen.
„Wo sind die alle hin?", flüsterte Lula.
„Sie sind nicht weg", sagte Coralie.
Sie sass am Rand der Linie, mit ihrer korallenrosa Flosse im hellen Sand, und in ihren Händen hielt sie einen kleinen Fisch. Er war grau. Er lebte. Er bewegte sich sogar.
Er schwamm nur nicht weg.
„Er weiss nicht mehr, wohin er gehört", sagte Coralie. „Fische finden ihren Schwarm an den Farben. Nimm ihm die Farbe, und er kann noch schwimmen, aber er weiss nicht mehr, mit wem."
Sie setzte ihn behutsam auf die bunte Seite. Der Fisch blieb, wo er war.
„Ich pflege dieses Riff seit vierzig Jahren", sagte Coralie. „Und ich habe keine Ahnung, was ich tun soll."
Laila schwamm nach vorne. Sie streckte die Hand über die graue Seite und tat das, was sie immer tat, wenn etwas kaputt war: Sie zauberte.
Ihre Regenbogenmuschel flammte auf. Das Licht schoss über die grauen Korallen —
— und ging aus.
Nicht langsam. Nicht wie eine Kerze. Es ging aus wie etwas, das jemand ausschaltet.
Laila stand ganz still.
„Nochmal", sagte sie.
„Laila —"
„Nochmal."
Beim zweiten Mal hielt das Licht kürzer. Beim dritten Mal kam es gar nicht erst.
Und Lailas Muschel, die stärkste Zaubermuschel im ganzen Laslantischen Ozean, wurde in ihrer Hand kalt.
Sie brachten sie zur Leuchtgrotte, obwohl sie sagte, das sei nicht nötig.
Es war nötig.
In der Grotte leuchteten die Wände von selbst, blau und türkis, und in der Mitte schwebten die glühenden Muscheln, die es sonst nirgends gab. Nur wer selbst eine Zaubermuschel trug, fand überhaupt den Eingang.
Laila legte ihre Muschel in die Mitte und wartete.
Sie lud sich nicht auf.
„Warum nicht?", fragte Lula, und ihre Stimme kippte.
Lisa, die mitgekommen war, hielt zwei Finger über die Muschel und liess einen ganz kleinen Blitz zucken — die Sache, für die sie im ganzen Ozean gebraucht wurde. Schwache Muscheln wieder zum Leuchten bringen.
Nichts.
„Es liegt nicht an der Muschel", sagte Lisa langsam. „Es liegt an ihr."
Alle schauten Laila an.
„Ich bin müde", sagte Laila. „Das ist alles."
„Du bist nicht müde", sagte Luna. „Du bist allein."
Es war der erste Satz, den Luna an diesem ganzen Tag gesagt hatte, und er traf wie ein Stein.
„Ich bin nicht allein. Ihr seid alle hier."
„Du hast dreimal gezaubert und keinen von uns angeschaut", sagte Luna. „Du hast es alleine versucht. Und deine Magie funktioniert nicht, wenn du nicht an uns denkst. Das war schon immer so, wir haben es nur nie gemerkt, weil du immer an uns gedacht hast."
Laila machte den Mund auf und wieder zu.
Dann setzte sie sich auf den Boden der Leuchtgrotte und weinte, und weil ihre kleine Schwester Lula sofort neben ihr sass und weil Luna sich an ihre andere Seite setzte, ohne etwas zu sagen, begann die Regenbogenmuschel in der Mitte des Raumes ganz langsam wieder zu glühen.
Am nächsten Morgen standen sie zu sechst am Rand des grauen Riffs: die drei Schwestern, Loran, Lisa und Laura.
„Das Regenbogenlicht", sagte Laila. „So wie über dem Balkon. So wie im Seegraswald."
„Der Seegraswald war ein Streifen", sagte Laura. „Das hier ist ein halbes Riff."
„Ich weiss."
„Und beim Seegraswald hat es nicht ganz gereicht."
„Ich weiss." Laila schaute über das Grau. „Es wird auch diesmal nicht ganz reichen."
Loran runzelte die Stirn. „Und was machen wir dann?"
„Dann retten wir den Teil, den wir retten können." Laila drehte sich um. „Laura, du hältst den Boden. Wenn die Korallen zurückkommen, sind sie weich, und die Strömung reisst sie mit, wenn niemand sie festhält."
Laura nickte.
„Lisa, du zählst."
„Was zähle ich?"
„Uns." Laila hielt ihre Muschel hoch. „Ich weiss nicht, wie lange wir das durchhalten. Und wir merken es selber nicht. Also merkst du es für uns und sagst, wann Schluss ist."
Lisa schaute sie an. „Und wenn ihr nicht aufhören wollt?"
„Dann hörst du trotzdem auf zu zählen und ziehst uns weg."
„Laila —"
„Versprich es."
Lisa presste die Lippen zusammen. „Ich verspreche es."
Die drei Schwestern hielten ihre Muscheln aneinander.
Der Regenbogen kam. Er kam grösser als je zuvor, weil sie diesmal wussten, was sie taten, und er legte sich über das graue Riff wie eine Decke aus Licht.
Und die Farbe kam zurück.
Nicht schnell. Sie kroch. Rot zuerst, dann Orange, dann alles andere, und mit jeder Koralle, die wieder Farbe bekam, kam ein winziger Fisch aus dem Nichts angeschossen und wusste plötzlich wieder, wohin er gehörte.
Laura kniete am Boden, beide Hände im Sand, und hielt fest, was zurückkam.
Lisa zählte laut.
„Zehn. Elf. Zwölf."
Bei achtzehn wurde Lulas Gesicht weiss.
„Neunzehn. Zwanzig."
Bei zweiundzwanzig sackte Luna ein Stück nach unten und fing sich wieder.
„Dreiundzwanzig. Vierundzwanzig."
Und bei fünfundzwanzig tat Lisa das Schwerste, was sie in ihrem Leben getan hatte: Sie packte Laila am Arm und riss sie weg.
Das Licht brach ab.
Die drei Schwestern trieben nach unten, und Loran fing sie auf, alle drei gleichzeitig, weil er die ganze Zeit unter ihnen gewartet hatte.
Als sie wieder klar sehen konnten, war das Regenbogenriff wieder bunt.
Fast.
Ganz am nördlichen Ende, dort, wo das Licht nicht mehr hingereicht hatte, blieb ein Stück grau. Es war nicht gross. Man musste schon genau hinschauen.
Aber es war da.
„Wir kommen wieder", sagte Laila heiser.
Coralie legte ihr eine Hand auf die Schulter.
„Ihr habt heute ein Riff gerettet, Kind."
„Ich habe ein Stück verloren."
„Ja", sagte Coralie. „Und du wirst dich für den Rest deines Lebens an dieses Stück erinnern und nicht an die andere Hälfte. So sind wir gebaut."
Sie schwammen nach Hause.
Und keiner von ihnen sah, dass am grauen Rand, zwischen zwei farblosen Korallenästen, eine kleine graue Muschel lag — genau an der Stelle, wo das Regenbogenlicht aufgehört hatte.
Als wäre sie stehen geblieben, um zuzusehen.