
Das Geschenk
Staffel 1 · Folge 10
Der Schattengraben war kein Ort. Er war ein Fehlen.
Sie schwammen an der Kante entlang, bis sie eine Stelle fanden, an der man hinunterkam, und dann schwammen sie nach unten, und mit jedem Meter wurde etwas weniger.
Zuerst gingen die Farben. Die Korallen am Rand waren schon grau, seit langem, aber weiter unten wurde auch das Wasser selbst farblos.
Dann ging der Klang. Kein Rauschen mehr, kein fernes Pfeifen von Torvs Muschel, nichts.
Dann ging die Wärme.
„Halt", sagte Lisa nach einer Weile. Sie hob zwei Finger und liess einen Blitz los.
Für einen Sekundenbruchteil sahen sie die Wände des Grabens links und rechts, so weit auseinander, dass man die andere Seite kaum erkannte.
„Eins", sagte sie. „Zwei. Drei."
„Wieviel schaffst du noch?", fragte Laila.
„Weiss ich nicht." Lisas Stimme war ruhig. „Wir finden es raus."
Auf Lailas Arm bewegte sich Lulu und machte ein kleines Geräusch. Auf Lulas Arm schlief Lailu weiter. Beide hatten ihren Schnuller, beide trugen ihr Regenbogenband mit der milchig weissen Muschel, und beide hatten keine Ahnung, wo sie waren, was in diesem Moment ein grosser Vorteil war.
„Diana ist weg", sagte Luna plötzlich.
Sie schauten sich um. Die Meerkatze war die ganze Zeit neben Laila geschwommen. Jetzt war sie nicht mehr da.
„Sie kommt wieder", sagte Laila, und sie klang sicherer, als sie war.
Ganz unten war es flach.
Das war das Überraschendste. Alle hatten sich eine Höhle vorgestellt, einen Thron, irgendetwas Furchterregendes. Stattdessen war der Boden des Schattengrabens eine weite, ebene Fläche aus feinem hellem Sand — heller als alles andere hier unten, weil Sand keine Farbe hat, die man ihm nehmen könnte.
Und dieser Sand war voller Kreise.
Tausende. Zehntausende. Manche frisch, manche fast weggeweht, ineinander, übereinander, so weit Lisas Blitze reichten.
Lula blieb stehen und schlug die Hand vor den Mund.
„Er sitzt hier seit achtundsechzig Jahren", sagte Laura leise, „und malt Kreise in den Sand."
„Warum Kreise?", flüsterte Lula.
Und Sina — die nicht mitgekommen war, die oben geblieben war, weil Laila darauf bestanden hatte, und die trotzdem irgendwie in allen Köpfen sass — hätte wahrscheinlich sofort die richtige Antwort gehabt.
Luna sagte sie stattdessen.
„Weil eine Muschel rund ist."
Sie kamen aus dem Dunkeln, beide gleichzeitig, und diesmal schlängelten sie nicht herum. Sie stellten sich einfach nebeneinander in den Weg.
„Nicht weiter", sagte Zisch.
„Der Chef will keinen Besuch", sagte Zasch.
Lisa hob die Hand.
„Nein", sagte Laura und drückte sie wieder runter.
Sie schwamm nach vorne, ohne Boden unter sich, ohne einen einzigen Halm, den sie hätte wachsen lassen können, und blieb einen halben Meter vor den beiden Muränen stehen.
„Zisch", sagte sie. „Du hast neulich im Seegraswald deinen Bruder in Sicherheit gebracht, obwohl du hättest fliehen können."
Zisch zuckte. „Das war —"
„Das war anständig." Laura schaute ihn an. „Und jetzt sag mir ehrlich: Geht es ihm gut da unten?"
Die beiden Muränen sahen sich an.
Es war eine sehr, sehr lange Pause.
„Nein", sagte Zasch schliesslich.
„Zasch!"
„Es stimmt doch!" Zasch klang plötzlich richtig unglücklich. „Er sitzt da. Den ganzen Tag. Er redet nicht — er kann ja nicht — und wir erzählen ihm Sachen, damit irgendwer was sagt, und dann hört er zu und nickt, und dann malt er wieder Kreise." Er wand sich. „Ich hab ihm mal einen Witz erzählt. Vor zwölf Jahren. Er hat ihn nicht verstanden. Aber er hat sich das Gesicht gehalten, als würde er lachen wollen, und dann ging es nicht."
Zisch sagte nichts mehr.
Er ging aus dem Weg.
Er sass in der Mitte, genau wie überall vorher. Schwarze Flosse, flach im Sand. Tentakel, die sich langsam bewegten. Rote Augen, die im Dunkeln das Einzige waren, was Farbe hatte.
Er zog Kreise.
Als er sie sah, stand er nicht auf. Er hörte nur auf, den Finger zu bewegen.
Laila schwamm nach vorne. Ihre Muschel leuchtete, weil sie an ihre Schwestern dachte, und das Licht reichte gerade so weit, dass sie sein Gesicht sah.
Sie legte die graue Muschel in den Sand.
„Die gehört dir", sagte sie. „Oma Lilo hat sie achtundsechzig Jahre lang aufgehoben. Sie ist die ganze Zeit hinter dir hergeschwommen. Sie ist bis in unser Muschelhaus gekommen, bis ins Riff, bis vor die Kinderkammer — sie hat dich überall gesucht, wo Farbe war, weil sie nicht wusste, dass du nicht mehr dort bist."
Dolen rührte sich nicht.
„Das ist kein Geschenk", sagte Laila. „Das ist nur Zurückgeben."
Und dann nahm sie den kleinen Beutel und legte ihn daneben.
„Das ist das Geschenk. Von Opa Lambi. Er sagt, du hast sie früher gemocht."
Die Tentakel hielten an.
Dolen schaute den Beutel an. Dann hob er langsam die Hand — und zog sie wieder zurück, so wie jemand, der schon hundertmal nach etwas gegriffen hat und weiss, dass es sich auflöst.
„Du kannst nichts nehmen, was verschenkt wird", sagte Laila. „Ich weiss. Deshalb nimm es nicht."
Sie machte einen Schritt zurück.
„Nimm es an."
Es passierte nichts.
Sekundenlang passierte gar nichts, und Lula fing an zu zittern, und Lisa zählte im Kopf mit, weil sie nicht anders konnte.
Dann geschah zweierlei gleichzeitig.
Aus dem Dunkeln kam Diana. Sie war die ganze Zeit weg gewesen und niemand wusste, wo — und jetzt schwamm sie an allen vorbei, direkt auf den schwarzen Meermann zu, legte sich neben seine Flosse in den Sand und fing an zu schnurren.
Und Lulu, auf Lailas Arm, die den ganzen Weg brav gewesen war, streckte die Hand nach den Tentakeln aus, weil sie sich bewegten, und Babys greifen nach allem, was sich bewegt.
Sie bekam einen zu fassen.
Und sie lachte.
Die Bläschen kamen.
Sie kamen nicht als Angriff. Sie kamen wie ein Schneesturm aus Licht, tausende auf einmal, und sie füllten den ganzen Boden des Schattengrabens, wo seit achtundsechzig Jahren nichts gewesen war ausser Kreisen im Sand. Lailu wachte auf, hörte ihre Schwester lachen und lachte mit, und dann kamen nochmal tausende.
Das Schattenwasser perlte an ihnen ab.
Es konnte nicht hinein. Nicht in ein einziges.
Und mitten in diesem Sturm aus lachenden Bläschen sass ein Meermann, der seit achtundsechzig Jahren nichts angenommen hatte, und um ihn herum ging etwas an, das er nicht kannte.
Er machte den Mund auf.
Es kam kein Ton. Natürlich nicht.
Aber er streckte die Hand aus — und diesmal zog er sie nicht zurück. Er nahm den Beutel. Er hielt ihn fest. Und er drückte ihn an sich, so wie ein Achtzehnjähriger etwas an sich drückt, das ihm zum ersten Mal jemand freiwillig gegeben hat.
Die Bläschen platzten nacheinander.
Es wurde still.
Als das letzte Licht wegging, sahen sie es.
An Dolens schwarzer Flosse, ganz aussen, von der Hüfte bis zur Spitze, lief ein einziger schmaler Streifen.
Er war warm rot.
Nicht mehr. Ein Streifen, so breit wie ein Finger, in einer Flosse, die schwarz war wie ein Loch.
Dolen schaute ihn an.
Dann schaute er Laila an.
Und dann drehte er sich um und schwamm ins Dunkel, ohne ein Zeichen, ohne ein Nicken, ohne irgendetwas — und Zisch und Zasch schauten sich an und schwammen hinterher, weil sie nicht wussten, was man sonst tun sollte.
Im Sand blieb die graue Muschel liegen.
Laila hob sie nicht auf.
„Er kommt sie holen", sagte sie. „Irgendwann."
Sie schwammen nach oben, und je höher sie kamen, desto mehr kam zurück: die Wärme, der Klang, und irgendwann die Farbe.
Auf halber Höhe schlief Lulu ein. Zwei Meter weiter oben schlief auch Lailu.
Oben stand der halbe Ozean an der Kante des Grabens und wartete. Der König, die Königin, Oma Lilo, Opa Lambi. Coralie. Herr Krabb mit sechzehn Schülern, die eigentlich Unterricht gehabt hätten. Frau Perlmutt, die eine Kette in der Hand hielt und nicht wusste, warum. Fritzi, der zum ersten Mal in seinem Leben nichts zu berichten hatte, weil er nichts wusste.
Und Sina, ganz vorne.
„Und?", fragte sie.
Laila überlegte lange, wie man das erklärt.
„Er hat es angenommen", sagte sie schliesslich.
In dieser Nacht schlief die Perlenstadt bei offenen Fenstern, weil es warm war und weil niemand mehr Angst hatte.
Und ganz weit unten, tiefer als jedes Licht reicht, sass jemand allein im Sand.
Er malte keine Kreise.
Er hielt einen kleinen Beutel in der Hand, und neben ihm lag eine graue Muschel, die er noch nicht angefasst hatte.
Er machte den Mund auf.
Zuerst kam nur das Kratzen, so wie immer.
Und dann, ganz leise und schief und nur für zwei Töne — kam etwas anderes.